A. Einleitung

Madonna als Kultfigur und Star muss wohl einführend nicht besonders vorgestellt werden, da sie sich seit gut zwanzig Jahren durch ihre kulturelle Allgegenwart in das öffentliche Bewusstsein einschrieb. Dabei führten die Medienspektakel und Skandale rund um ihre Person sowohl die öffentliche Bewunderung aber auch die öffentliche Verurteilung an neue Grade der Intensität her an - sie wurde letztlich zu einer der meist beachteten Frauen der Welt.

"The most important thing is that I say the things I want to say. In my music or whatever expression that may be. Wether that's writing a book or writing songs or acting or whatever... the important thing is that I feel fulfilled as an artist and ultimately what the world gets out of it and what they chose to see. I can't control it or predict it and of course I always hope that people see that and get passed what they consider the scandal or the image. That's something the media's create. I have absolutely no control over the media. I only have control over what I do as an artist and if I say what I wanna say than I have fulfilled myself."

(Madonna im Interview mit Steve Blame, November 1992).

Das Betrachtung eines Pop-Phänomens wie Madonna lässt Grenzen zusammenfallen, die vormals zwischen Akademischem und Populärem, Öffentlichem und Privatem, Theorie und Praxis, Alltagsleben und Kulturanalyse herrschten. Diese Verbindung und Vermischung von zuvor Gegensätzlichem ist typisch für Phänomene der Postmoderne. Wir bewegen uns im Rahmen einer Mediengesellschaft mit ihren entsprechenden Elementen der Showpolitik und deren besonderen Einflussmöglichkeiten auf die öffentliche Meinung. Die Kunst der Selbstdarstellung, der Medieninszenierung wird entsprechend in allen Diskussionen über Madonnas Einfluss auf die Kultur betont. Zentraler Aspekt hierbei ist, dass Madonnas Darstellungsform symbolische Aspekte abweichenden Verhaltens beinhaltet, die sie auch mit subkulturellen Außenseiter und Minderheiten verbindet. Von ihr wurden immer wieder machtvolle soziale Konflikte aufgenommen - Gebiete der sozialen Peripherie in eine symbolisch zentrale Position gerückt.

Hier wird auch die dramaturgische Qualität der repräsentierten Konflikte deutlich, die das Publikum und die Medien dazu brachten, das Image eines Stars zu konstruieren, das letztendlich eigene Bedürfnisse einerseits zur Konfliktbewältigung und andererseits zur Auflagen- und Einschaltquotensteigerung befriedigen muss. Denn aus konstruktivistischer Perspektive betrachtet, kann auch ein für die Massen produzierter Artikel nur durch das Publikum zu einem populären Artikel gemacht werden. Kultur stellt immer einen aktiven Prozess des Bedeutungsschaffens dar.

So ist Madonna geradezu paradigmatisch ein Medien-Star. Ihr Ruhm begründet sich großenteils auf den Einfluss der Medien. Ohne deren immerwährende Sucht nach Auflage steigernden bzw. Einschaltquoten steigernden Ereignissen, Geschichten und Skandalen, hätte sie kaum eine Chance gehabt, zu einer Berühmtheit, Ikone und letztlich Kultfigur aufzusteigen.

Ihr Aufstieg zum Star gelang ihr nicht zuletzt aufgrund ihrer "Begabung" auf der Klaviatur der Medien und damit zugleich mit den Sehnsüchten und Erwartungen des Publikums zu spielen.

Im gesellschaftlich kulturellen Zusammenhang rückt heute immer mehr die Rolle der Medien in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit, deren Einflusskraft besonders im Bereich der Public Relations Möglichkeiten zur Konstruktion von Wirklichkeiten beinhaltet. Problematisch erscheint dies besonders hinsichtlich der fortschreitenden Ausrichtung auf die reine Verwertbarkeit innerhalb eines kommerziellen Rahmens. Das trifft natürlich nicht nur auf die Sparte Musikkultur zu, sondern auch auf Bereiche wie Sport, Film und nicht zuletzt Politik. Mehr und mehr wird die Konstruktion von Ereignissen, Themen und Symbolen vorangetrieben, die nur einen einzigen Zweck zu erfüllen haben: zum Selbsterhalt und zur Ausweitung eines kommerziell verwertenden Systems beizutragen.

Die kulturindustrielle Konstruktion von Wirklichkeiten, von virtuellen Wesen und Welten, wird heute bei Boy- oder Girlie-Groups besonders deutlich, wird aber auch immer klarer sichtbar bei der Inszenierung von Sportereignissen, von politischen Auseinandersetzungen und von Medien-Idolen allgemein, deren Authentizitätsanspruch immer geringer zu werden scheint.

Die postmoderne massenmediale Kunst der Inszenierung wird auch bei allen Diskussionen über den Popstar Madonna immer wieder betont. Um aber darzulegen, dass Starfiguren und Musikformen nicht einfach "von oben" aufgesetzt werden können, sondern dass dennoch ein gewisses Maß von Authentizität erforderlich ist, muss auf den Einfluss der Kulturindustrie eingegangen werden. So soll auch in Bezug auf Madonna gezeigt werden, dass mehr als ein gutes Management dazugehört, um dauerhaft an der Spitze zu bleiben.

Das Madonna-Phänomen betrifft verschiedenste kulturelle Dimensionen wie Medien, Sexualität, Moral, Feminismus, Warenwelt, Mythos, Kirche usw. Ihr gelang es, in ihrer Person kulturelle Gegensätze zu fokussieren und geradezu exhibitionistisch Öffentliches und Privates zu vermischen. Es zeigt sich, dass in der musikkulturellen Praxis bei der Genese von Kultfiguren vor allem bei Jugendlichen Aspekte hineinspielen, die existentiell notwendige Funktionen im Bezug auf Identitätsabsicherung erfüllen und so zur Entstehung der Stars beitragen. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass sich in der Darstellungsstrategie des Popstars Madonna Elemente finden, die darauf hinweisen, dass die kulturelle Kraft einer sogenannten Selbststigmatisierung aktiviert wurde, die sie erst zur Repräsentantin marginalisierter Gruppen und letztlich zur Kultfigur im "Mainstream" werden ließ.

Um die Dimensionen aufzuzeigen, in denen sich die Phänomene der heutigen Massenmusikkultur, der Rock-, Hip Hop-, Techno und Popmusik abspielen, wird zunächst auf die verbunden jugendkulturellen Praktiken eingegangen. In erster Linie geht es dabei um die Verwendung der Ware Pop-Musik, die zu einer Form der Massenkommunikation wurde und immer auch bestimmte Werte und Bedeutungen verkörpert. Pop-Musik kann als eine Alltagskunst begriffen werden, die funktionalen Möglichkeiten hat, direkt auf die Realität einzuwirken. Der Gebrauch dieser ästhetischen Symbole ist immer mit aktiver Bedeutungssetzung von Seiten der Fans verbunden und schafft so Möglichkeiten Eigenaktivität aufzubauen. Im Prozess der Identitätsentwicklung können deshalb auch die vorgefertigten Produkte der Musikindustrie dazu beitragen können, eigenständige kulturelle Formen zu entwickeln.

Der aktuelle Bezugsrahmen der Postmoderne soll helfen, zu verstehen in welchem Kultur- und Zeitzusammenhang die Popmusik steht. Man kann dabei erkennen, dass nicht zuletzt in Folge von Ausdifferenzierungsprozessen der Musikkultur eine unverbindliche Vielfalt von modisch stilbezogener Jugendkulturen entstand, die durch postmoderne Eigenschaften gekennzeichnet sind und diese transportieren. Die Zusammenhänge zwischen Pop und Gesammtkultur sind so eng, dass man beinahe versucht ist, den Begriff Postmoderne mit Popmoderne zu ersetzen. Die Produkte der Musikindustrie dienen heute als Mittel der Sinnvermittlung, die dennoch kurzlebig sind und zum Großteil relativ unverbindlich bleiben. Die Krisenhaftigkeit der Postmoderne und die Rahmenbedingungen einer Mediengesellschaft verstärken dabei gleichzeitig das Aufkommen von Außenseitern als Stars, die relativ schnell verbraucht sein können und immer neue Anschlussbewegungen zur Folge haben.

Um darzulegen, inwieweit diese Zusammenhänge auch bei Madonna greifen, wird kurz ihre Biographie bis zu ihrem Durchbruch zur Kultfigur aufgezeigt. Auch ihr Aufstieg ging einher mit dem idealtypischen Prozess der Vermarktung eines subkulturellen Lebensstils. Ihre eigene öffentliche Selbstdarstellung rückt erst bei der Betrachtung des weiteren Ausbaus ihres Ruhmes in den Mittelpunkt, wobei das gesamte Phänomen als ein Konstrukt eines konflikthaften öffentlichen Diskurses zu verstehen ist. Auch wenn Madonna vielfach als Repräsentantin der Postmoderne gilt, darf bei diesem Phänomen nicht der Bezugsrahmen der Massenmedien, die Kommunikationsebene der Sexualität und der vielfache Wandlungsprozeß, der auch auf ihre Selbstreferentialität verweist, vergessen werden.

Der Durchbruch zur echten Berühmtheit gelang Madonna, da sie provokant das Thema Sex artikulierte und entsprechend heftige Reaktionen vor allem in den puritanischen USA hervorrief. Hilfreich zur Erklärung des entstandenen öffentlichen Drucks auf eine Berühmtheit ist hier das Konzept der Stigmatisierung. Wenn man die Wirkungen von Madonnas Rollenspiel im populären Drama aufschlüsseln will, müssen zugleich die vielfältigen dramaturgischen Techniken, die zu ihrem Erfolg beitragen, dargestellt werden. Ihre Fähigkeit zur Selbstskandalierung steht dabei unzweifelhaft im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, da diese sie zu einer symbolischen Führerfigur für verschiedenste Subkulturen machte.

Anhand ihrer die Öffentlichkeit polarisierenden Werke, was ihr Privatleben angeht, aber insbesonders auf ihre Videos zutrifft, zeigt sich die fortdauernde dramaturgische Verwendung von Elementen des Exhibitionismus und der Provokation. Im Zusammenhang mit einer selbstreferentiellen Gegenstrategie auf den Druck der Öffentlichkeit verweist dies dabei auf den Begriff der Selbststigmatisierung, der hilft, die kulturelle Kraft und die dramaturgische Wirksamkeit von Madonnas Selbstinszenierungen zu klären. Bei der Betrachtung eines derartigen charismatischen Phänomens muss man sich allerdings auch die Frage nach der Wirkung stellen: ob trotz dieser Elemente ihre Darstellung auf der Ebene der Seduktion verhaften bleibt und damit einerseits sogar traditionelle Werte verstärkt oder ob sie andererseits auch Chancen zu transzendenter Umwertung bietet.

Bei der Betrachtung der Fankulturen wird deutlich, dass man Stars und Musik als stark emotional besetzte Gegenstände ansehen kann, die mit mythischem, pseudo-religiösen Denken in Verbindung stehen und so tief hinein bis in symbolische Sinnwelten des Einzelnen reichen. Kultfiguren werden als Identitäts- und Wertbringer genutzt, wobei gerade die kultischen Aspekte auf ein Religions-Äquivalent verweisen. Gerade in der Musikkultur bildete sich ein funktionales Äquivalent zur traditionellen Religion aus, das heute zum Aufbau einer selbstbestimmten Identität und Individualität genutzt wird. Man kann dabei feststellen, dass in der Musikkultur insgesamt und bei Madonna besonders, auch chiliastische und eschatologische Elemente mit hineinspielen, so dass der Name "Madonna" bei ihr auch ein gutes Stück weit als Programm begriffen werden kann. In Anlehnung an Webers Protestantismusthese kann man sogar soweit gehen, auch die ökonomischen Formen der Postmoderne ("Popmoderne") in direkten Bezug mit dem entsprechenden "religiösen" Überbau der Kultfiguren zu setzen - den identitätsstiftenden Symbolen der Mediengesellschaft.