B. Die moderne Popmusikkultur

B. 1. Phänomene eines kulturellen Gesamtzusammenhangs

Um die Zusammenhänge rekonstruieren zu können, innerhalb derer sich die verschiedenartigen Spielarten der modernen Musikkultur entfaltet haben, muss man zunächst ihren sozialen und kulturellen Ursprüngen nachgehen.

Die möglichen Inhalte des Symbolsystems Pop- und Rockmusik, die durch klangliches und durch Bildmedien ergänztes visuelles Material vermittelt werden, sind das Produkt gesellschaftlich-kulturellen Wandels. Um den Sinn der Phänomene der Musikszene begreifen zu können, darf man die Stars nicht als isolierte Objekte betrachten, sondern muss sie als Teil eines übergreifenden kulturellen Gesamtzusammenhangs sehen. Sie sind in die sozialen, politischen und ökonomischen alltagsweltlichen Lebensbedingungen der Rezipienten eingebettet. Töne, Klänge, Bilder und Images mit Zeichencharakter können in einem Sinnzusammenhang eingebunden, zu einem Ausdrucks- und Deutungsschema geformt und als intentionale Handlung mit gesellschaftlichen Funktionen verknüpft werden. Die Musik fungiert so als Träger jeweils spezifischer Bedeutungen. In ihr werden emotional Werte verkörpert, die tief in die Lebensverhältnisse der zumeist jugendlichen Fans hineinreichen (vgl. Wicke 1986).

Die moderne Pop- und Massenmusik stellt zwar heute nicht mehr eine exklusive Jugendmusik dar, doch scheinen die Probleme in der Phase des Heranwachsens die Jugendlichen zu den Hauptkonsumenten, zu der Gruppe mit dem intensivsten Umgang mit Musik werden zu lassen. Die Popmusik in ihren vielfältigen Ausformungen wurde für die kulturellen Praktiken Jugendlicher von herausragender Bedeutung, Musikkonsum wurde Teil jugendspezifischer Alltagskultur. Musik als kulturelle Institution, die sich als Ausdrucksmittel unverwechselbarer Persönlichkeit anbietet, konkurriert hier zwar mit Sport, Film, politischen Bewegungen usw., erweist sich jedoch als allgemeinstes Mittel jugendlicher Selbstdarstellung. Fans können aus ihrer Anhängerschaft Kapital zur Herausbildung persönlicher Identität schlagen und sie dient häufig als stilbildendes Medium (Zinnecker 1987, S. 192).

Auch bei den Musikfans handelt es sich in erster Linie um eine Äußerung von Jugendkultur, wobei auch der Höhepunkt musikalischer Fankultur vor dem 15. Lebensjahr liegt - in den Jahren der Statuspassage zwischen Kindheit und Jugend. Doch wurden infolge der seit den 50er Jahren stattfindenden immer weiteren Ausdifferenzierung der Musikkultur zunehmend auch ältere Fans zu einer nicht unerheblichen Konsumentengruppe, wobei sich heute zudem die Begriffe "Jugendlichkeit" und "Postmodernität" miteinander verschränken: Der Zeitgeist der Postmoderne verlangt, dass man sich seine Jugendlichkeit selbst bis ins hohe Alter hinein bewahren muss.

Die moderne Massenmusik wurde zum Medium des Ausdrucks kollektiver Erfahrungen, Emotionen und Gedankenbilder, es konnten ein besonderes Lebensgefühl und ein gesellschaftlicher Zusammenhang ausgedrückt werden. Die Bedeutungen und Werte, welche die Musik verkörpert, werden nicht nur über die Massenmedien verbreitet, sondern sind selbst zu einer Form der Massenkommunikation geworden. Die Hingabe an die Musik findet zwar zumeist individualisiert statt und löst persönliche, individuell-biographisch verwurzelte Empfindungen aus, doch ist der Prozess ihres Konsums in jugendkulturelle Kontexte eingebettet und von Gruppenerlebnissen mit Gleichaltrigen in Konzerten, Diskotheken, Kneipen usw. durchzogen, wobei vor allem die Fanrolle ideellen Zusammenhalt spenden kann.

In Zusammenhang mit den postmodernen Tendenzen der Pluralisierung und der Individualisierung von Lebenslagen formierte sich eine Vielzahl musikalischer Teilkulturen, wobei Tendenzen der Institutionalisierung und Standardisierung gleichzeitig zur Entstehung neuer kollektiver soziokultureller Gemeinsamkeiten führten.