B. 3. Ästhetisches Symbol: Aktive Bedeutungssetzung

Wie bereits dargelegt wurde, sind die Inhalte dieser Musikform nicht auf Rhythmus, Klang oder Textaussagen zu reduzieren, da der Rezipient auch immer selbst eingreift, indem er von dem Medium aktiv Gebrauch macht. Er integriert es in den Zusammenhang seiner Lebensverhältnisse, setzt es als Symbol ein, das mit eigenen Erfahrungen verbunden ist. So sind die Inhalte der modernen Massenmusik nicht allein in der musikalischen Form der Songs begründet, sondern mit Bedeutungen verbunden, die ihm von den Fans gegeben werden. Es entstand eine komplexe kulturelle Form, in die Musik, Tanzformen, Medienbilder, Images, Kleidungs- und Lebensstile einbezogen sind und deren Heterogenität mit den jeweils unterschiedlichen sozialen und kulturellen Zusammenhängen korrespondiert, in denen die Musik mit wechselnden Bedeutungen gebraucht werden kann. Die Entwicklung des Phänomens der Massenmusik kann nur als Bestandteil des Alltags ihrer Fans begriffen werden. Die sozialen und kulturellen Massenprozesse, die ausgelöst werden, sind nicht restlos kontrollierbar, da die Musik und auch die Stars aus ihrem ursprünglichen Kontext entfernt und als Symbol für sich beansprucht, weiterentwickelt, umgedeutet und in Besitz genommen werden können, um damit symbolisch etwas zum Ausdruck zu bringen. So verwenden auch Subkulturen Gegenstände, die außerhalb ihres eigentlichen Kontextes in einer Stilbastelei ironisch neu besetzt werden, wie z.B. der Punker mit einer Sicherheitsnadel im Ohr oder der Technotänzer mit Taucherbrille oder einer Gasmaske.

Subkulturen bilden mit Hilfe von Stars und Musik alternative symbolische Sinnwelten, indem der symbolische Inhalt bestimmter Objekte und modischer Attribute in verändertem Zusammenhang neue Bedeutung verliehen bekommt. Die Collagierung verschiedener Ausdrucksmittel lässt sie zu einem neuen subkulturellen Stil verschmelzen, der den Konsens der traditionellen Symbolwelt erschüttert, da er eine Herausforderung an deren Allgemeingültigkeitsanspruch darstellt (vgl. Brake 1981 S. 22 f.).

Die ästhetischen Strategien dieser in den Alltag eingebetteten Erfahrung von Kunst werden von seiner Rezeption als aktiver, mit der Alltagslebensweise praktisch verbundener Prozess getragen. Die symbolischen Formen werden vor allem über die Medien in die individuellen Realitäten transportiert und hier im Prozess des Erfahrens und Erlebens in einen Sinnzusammenhang gestellt. Hier kann sich die Artikulation von Emotionalem vollziehen, wird direkt miterlebt in einem kollektiven kulturellen Zusammenhang. Musik als ästhetisches Symbol wird mit lebenspraktisch emotional übereinstimmenden Szenen in der Alltagswelt zusammengeschlossen. Da diese symbolische Übereinstimmung von Deutenden in der Lebenspraxis selbst vollzogen wird, bildet sie eine Achse der subjektiven Selbstverfügung, die immer auch in einen sozialen und kulturellen Zusammenhang eingebettet bleibt. Die aktive Handhabung des ästhetischen Symbols Musik, die mit dem Selbst in sozialen Interaktionen verbunden ist, schafft so die Möglichkeit Eigenaktivität aufzubauen und diese zugleich an Erfahrungen im System der Interaktionen anzuschließen (vgl. Lorenzer in Oelkers und Wegenast Hg. 1991, S. 28 f.). Musik kann im Alltagsleben redimensionalisiert, um Dimensionen erweitert werden, die von ihrer Fähigkeit ausgehen, Erfahrungen zu vermitteln, die nicht im Kognitiven begründet liegen, aber dennoch als sinnhaft erlebt und nachvollzogen werden können. Derart sinnlich unmittelbar wahrnehmbare ästhetische Symbole der Alltagswelt sind von großer Bedeutung für die individuelle Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung. Die Künste, von der Musik bis zum Tanz und Ritual, sprengen den denotativen, begrifflichen Rahmen des Sprachgebrauchs szenisch dramatisch auf. Sie sind in Alltagserfahrungen eingebunden, in denen sinnliches Erleben in Gesten tradiert wird, in Gebrauchsgegenständen geformt zum Ausdruck kommt und zum Eindruck wird. Musik besitzt so offenbar eine spezifische assoziative Kraft zum Emotionalen, zu tieferen seelischen Bereichen. Es kann etwas "Urmenschlich-Gemeinsames angesprochen werden, das einer tieferen psychischen Schicht entspricht als das Urteilen und Meinen über das Gehörte." (R. H. Reichardt 1968 in Lipp Wolfgang Hrsg. 1992, S. 62). So können diese ästhetischen Symbole zum Ansatzpunkt einer vorsprachlich-tiefen emotionalen Übereinstimmung mit anderen Menschen und deren Lebenserfahrungen werden, worauf auch die Wichtigkeit der Vermittlung ästhetischer Symbole überhaupt beruht, zur Bildung kollektiver Lebenspraxis, wie sie jugendkulturelle Lebensstile darstellen. Die Musikstücke bilden eine Art "bewegliches Koordinatensystem kultureller Aktivitätsfelder" des Alltagslebens, das für die Möglichkeiten des Gebrauchs, der Sinngebung, der Lust, Sinnlichkeit oder des Vergnügens offen ist (vgl. Wicke 1986, S. 125).

Die Musik wird von den Jugendlichen in einen selbstentwickelten Gebrauchszusammenhang gestellt, relativiert und mit neuen Bedeutungen versehen, die eigene Möglichkeiten des Umgangs mit ihr bieten, auch wenn Text, Image und musikalische Gestaltung durch ein bestimmtes Kunstverständnis überformt sein können, welches sie zu expliziten Botschaften macht.

Hinter den musikalischen Strukturen steht damit ein äußerst komplexer und stets aktiver Prozess mit vielfältigen, oft nur flüchtigen und wieder vergänglichen Bezügen zur Alltagswelt der Rezipienten.