B. 4. Im Einklang mit balancierender Identität

Für die Identitätsfindung sind musikalische Symbole gerade im jugendkulturellen Kontext von hoher Bedeutung, denn sie zeigen, was benutzt und gebraucht wird, um dieses Ziel zu erreichen. Handeln als Selbstverwirklichung heißt in der Jugendphase oft aktive Bedeutungssetzung mit Hilfe musikalischer Symbole in konkreter, lebenspraktischer Hinsicht. Das aktive Handeln steht dabei immer in einem kulturellen Raum und tritt als Selbstdarstellung organisiert auf (Goffmann 1969). Man kann davon ausgehen, dass die Entfaltung der Identität sich immer auf zwei Ebenen gleichzeitig vollzieht: der vertikalen, individuell biographischen Ebene einerseits und der horizontalen sozialen Ebene andererseits (vgl. Berger/Luckmann 1969, S. 53). Die Tatsachen, die die Gesellschaft an ein Subjekt heranträgt, müssen immer wieder in Einklang gebracht werden. Das heißt, dass infolge des prozessualen, balancierenden Charakters der Identität Jugendliche, wenn sie ihre Identität im Fluss der Ereignisse der Jugendphase bewahren und aufbauen wollen, diese Ereignisse im Sinne ihrer Wertkonzepte und Ideale in Balance bringen müssen. So können gesellschaftliche Tatsachen im jugendkulturellen Kontext mit Hilfe musikalischer Symbole umgestaltet und mit neuem, der Selbstverwirklichung entgegenkommenden Sinn durchdrungen werden. Der Gebrauch der musikalischen Symbole steht so im Schnittpunkt von Individuum und Gesellschaft, kann auch als Ausdruck dieses Balanceverhältnisses angesehen werden, ist eng mit dem Prozess der Identitätsfindung verbunden und wird eingebettet in kulturellen Kontexten vollzogen. Die Vielfalt der Impulse, die in der Verschränkung der biographischen mit der sozialen Ebene bewältigt werden müssen, lassen sich auch in einem individuell einzigartigen Gebrauch von Musik ablesen, der einmal mehr lebensgeschichtlich individuell, andererseits mehr im Kontext sozialen Rollenverhaltens organisiert sein kann.

Unmittelbar mit der Erfahrung des Heranwachsens und deren Problemen der Identitätsfindung verbunden, ist die moderne Massenmusikkultur ein unmittelbares Produkt der Verschmelzung jugendlichen Selbstverständnisses, jugendlicher Selbstfindung und populärer Musik. Sie stellt ein bewusst und aktiv angeeignetes Medium der Verkörperung der von Heranwachsenden entwickelten Sinnstrukturen des Alltagsverhaltens dar. Die Jugendlichen wählen aus, was ihren Werten entspricht - Musik z.B. die rebellisch und provozierend wirkt, sinnliches Vergnügen vermittelt und sich in ihre Ängste, Träume und Sehnsüchte einordnen lässt.

Mit Elvis Presley, der bezeichnenderweise den "König" des Rock‘n Roll darstellt, ist im Verbund mit der aufkommenden Medienrealität zum erstenmal in größerem Ausmaß ein Star entstanden, der als aggressiv-provokativer Selbstdarsteller, als Außenseiter, den jugendlichen Massen, die im Identitätsdilemma der 50er Jahre Gesellschaft steckten, in dem traditionelle Mechanismen der Identitätsfindung versagten, einen Ausweg anbot. Den Massen, die im Prozess der balancierenden Identität mit strukturellen Defiziten in der Gesellschaft konfrontiert waren, die aufgrund von Sinnverlust eine traditionelle Absicherung zunehmend unmöglich machten, wurde eine Symbolfigur, ein Star im Verbund mit Musik geboten, der begeistert aufgenommen wurde, da er den dennoch vorherrschenden Willen zur Respektierung dieses Daseins artikulierte. Sein Symbol konnte eingesetzt werden für den Versuch einer neuen eigenständigen kulturellen Umgangsweise und Identitätsfindung.

Gerade Jugendliche sind auf Größen dieser Art angewiesen, wie sie Bezugspersonen, symbolische Figuren wie z.B. Popstars bilden, da sie angesichts komplexer, verwirrender, zahlreicher Handlungsverweise dazu neigen, auf jeweils einfachere, sie sinnhaft ansprechende Bezugsgrößen zurückzugreifen. Die bedrückende Alltäglichkeit, welche die Jugendlichen zur Zeit Elvis Presley‘s umgab, der Wille zur Nichtanpassung, wurde von ihm angesprochen, wodurch er und seine Musik noch eine zusätzliche Dimension erhielt. Die Musik wurde in den Kontext einer neuen Lebensweise gestellt, bedroht von elterlichen, schulischen, kirchlichen und anderen sozialen Kontrollinstanzen, wobei der kommerzielle Rummel zur gesellschaftlichen Bestätigung geriet und eine zeitgemäßere, weniger konservative Version des Alltagslebens entstand (vgl. P. Wicke 1986, S. 245ff.). Das Alltagsleben, die Strukturen des Daseins Jugendlicher wurde mit dem Rock‘n Roll kulturell verändert und erweitert. Eigene Erfahrungen wurden in ihm aufgenommen und auf ihn zurückprojiziert, indem hier eine kulturelle Form entstand, die eng mit Identitätsfindungsprozessen verbunden war und durch Medien, Star und Musik vermittelt wurde.

Es wird dabei deutlich, dass gerade in der Musikkultur abweichendes, marginales, gesellschaftlich randseitiges, gegen- oder subkulturelles Verhalten in symbolischer Darstellung für die Jugendlichen Schlüsselkräfte entwickeln kann, insbesondere wenn es seine Zwecke moralisch und positiv darstellt und so die Gesellschaft und deren Kontrollinstanzen abzuwerten und als illegitim zu erweisen sucht. Der Grund für die Wirksamkeit liegt in den strukturellen Defiziten der Gesellschaft und dem damit verbundenen Legitimitätsschwund. Jugendliche auf der Suche nach Selbstwert können so Identitätsentscheidungen treffen, die mit relativer Devianz und eigenen sub- oder gegenkulturellen Lebensstilen verbunden sind. Dies kann herausgefordert und verstärkt werden, indem die Jugendlichen sich die Musik und die symbolische Darstellung von Stars zu eigen machen und sich so nachdrücklich zu der Gruppe, der sie angehören und zu den eigenen Besonderheiten bekennen. Es kann eine kollektive Form annehmen, wobei auf eine neue, von der Subkultur angebotene Definition der Situation zurückgegriffen wird, oder aber eine individuelle Form, was die Gefahr der Vereinzelung und Isolation einschließt (vgl. Brake 1981, S. 10).

Identität beinhaltet aber auch die Wahrnehmung und den Ausdruck der eigenen Position innerhalb eines Raum-Zeit-Netzwerks (vgl. Dhillon 1994, S. 44). Damit drückt sich die Identität einer Person sowohl in verschiedenen Zeiten als auch in verschiedenen räumlichen und situativen Kontexten anders aus.
Das hat Konsequenzen für den Identitätsbegriff angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen, die unter dem Begriff "reflexive Moderne" zusammengefasst werden. Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen sind zwei der wesentlichen Aspekte dieser "Multioptionsgesellschaft" (Gross 1994). Identität entfaltet sich unter diesen Bedingungen einer ausdifferenzierten, mobilen Gesellschaft spielerischer, weil sich das Individuum aufgrund der fragmentierten Lebensbedingungen seine Identität aus verschiedenen Partikeln zusammenbasteln kann, indem es zwischen mehreren Optionen wählen kann. In der aktuellen Handlungssituation muss dann bestimmten Teilen der eigenen Identität Priorität eingeräumt werden, je nachdem, was die Situation verlangt, welche Gruppenidentitäten dort gefragt sind oder welche biographischen Erfahrungen die Position des Individuums stärken oder festigen können. Zugleich müssen immer mehr widersprüchliche Aspekte in die persönliche Identität integriert werden, da die Individuen einer "interindividuellen Konkurrenz" ausgesetzt sind, "in der sie sich als eine besondere, ja einzigartige Persönlichkeit darstellen müssen" (Winter/Eckert 1990, S. 149). So wird Identität zu einem permanenten Prozess der Selbstentfaltung durch spielerische Selbstinszenierung. Im Zusammenhang mit Jugendlichen wird dann z.B. von einer "Patchwork-Identität" gesprochen, die patchworkartig konstruierte "Bastelbiographien" besitze (vgl. Ferchhoff/Neubauer 1997). Die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Veränderungen sind offensichtlich:

Waren Jugendliche in den 50er und 60er Jahren noch stark an das sozial-räumliche Milieu der Nachbarschaft und des Stadtteils gebunden, innerhalb derer es kaum weitere Differenzierungen gab, ist dieses Milieu am Ende des 20.Jahrhunderts von vielfältigen Szenen durchsetzt. Eine durchschnittliche 15jährige hat heute die Möglichkeit, sich in einer Vielzahl von Szenen und jugendkulturellen Milieus zu bewegen. Zugleich nimmt dabei der subjektive Aufwand für die Entfaltung der eigenen Biographie und der Subjektkonstitution zu.

In dieser vielfältigen Welt bieten fast nur noch gemeinsame Medien- und Konsumerlebnisse Orientierungspunkte, über die sich soziale Strukturen und neue Gemeinschaften herstellen lassen. Die Medien selbst sind zu verlässliche Begleitern im Alltag nicht nur von Kindern und Jugendlichen geworden, und "Alltag und Medien durchdringen sich" (vgl. Bachmair 1996, S. 11ff.). Insofern spielen Medien bei der Identitätsentwicklung eine wichtige Rolle. Ging man früher davon aus, dass sich Identität in sozialen Interaktionen entwickelt, muss man heute mediale Interaktionen hinzurechnen. Den verschiedenen Formen der Populärkultur und der Medien, insbesondere aber dem Fernsehen kann eine "Schlüsselrolle in der Strukturierung von zeitgenössischer Identität" zugewiesen werden (Kellner 1995, S. 237). Die Auseinandersetzung mit den anderen findet nicht nur in sozialen Kontexten in direkter Kommunikation statt, sondern auch über die symbolischen Welten der Medientexte in der Medienrezeption und -aneignung (vgl. ebd., S. 231ff.; Bachmair 1996, S. 238ff.; Grodin/Lindlof 1996; Mikos 1994a, S. 201ff.).

Neben die traditionellen sozialen Instanzen wie Familie, Nachbarschaft, Verein, Schule, Betrieb, Verwaltung, die für die Identitätsbildung bedeutsam sind, treten heute sowohl die vielfältigen Texte der Populärkultur als auch die durch sie initiierten "virtuellen Gemeinschaften" wie Fangruppen, denn "Medien bestärken die Menschen in der Art und Weise, wie sie sich zu sich und zur sozialen Wirklichkeit einstellen" (Bachmair 1996, S. 299f.).

Normen, Werte und Rollenbilder werden nicht mehr nur anhand leibhaftiger Vorbilder aus der direkten sozialen Umgebung gelernt, sondern eben auch aus den Erzählungen der Medien und der Populärkultur. Insbesondere Medienhelden erlangen dabei für Kinder und Jugendliche große Bedeutung (vgl. exempl. Barthelmes/Sander 1997, S. 43ff.; Kübler/Swoboda 1998, S. 299ff.). Daher spielen für die Rekonstruktion der eigenen Lebensgeschichte ebenso wie für die Entwicklung von Lebensentwürfen nicht mehr nur die sozialen Erfahrungen in der Lebenswelt eine Rolle, sondern die "Lektüreerfahrungen" im weitesten Sinn als Rezeptions- und Aneignungserfahrungen in den intermedialen Bezügen der Populärkultur werden immer wichtiger.

Im Rahmen der intermedialen Bezüge der Populärkultur wird die Suche nach Identität zu einer Suche nach Bildern, Bildern der ästhetischen Inszenierungen der populären Medien, die zu eigenen Bildern werden können. Die Texte der Populärkultur können in diesem Sinn auch als ästhetische Formen interindividueller Thematisierungen von Lebensgeschichten und Lebensentwürfen gesehen werden. An diesen Themen arbeiten sich die Zuschauer und Leser ab, aber nicht indem sie einzelne Medien nur nutzen, sondern indem sie ihre sozialen und intertextuellen Erfahrungen in die Rezeption und Aneignung verschiedenster Medien einbringen (vgl. Lothar Mikos, Medien praktisch 1/99, S. 4-8).