B. 5. Stil in der Postmoderne - subkulturelle Szenen

Nach Schulze (1992) kann man Stil als die Gesamtheit der Wiederholungstendenzen in den alltagsästhetischen Episoden eines Menschen definieren, die zu einem relativ stabilen situationsübergreifenden Muster gerinnt. Stil schließt dabei sowohl die Zeichenebene alltagsästhetischer Episoden, als auch die Bedeutungsebene ein. Er dient der Sicherung des Erlebens, da durch ihn der Bedeutungsgehalt von Zeichen wie sie Musik oder Stars darstellen können, stabilisiert werden. Stil bildet sich aufgrund eigenen Interesses, um Unsicherheit abzuwehren, persönliche Identifizierbarkeit, Selbstwahrnehmung zu finden, zur Konkretisierung der eigenen Identität und Orientierung in der Umwelt. Er manifestiert nicht nur die Zugehörigkeit eines Individuums zu einer bestimmten Gruppe oder Gemeinschaft, sondern auch zu einem bestimmten Habitus und einer Lebensform. Identität hat somit eine zentrale ästhetische Komponente, da man sich in dem wiedererkennt, was einem gefällt (vgl. Schulze 1992, S. 102).

So ist die moderne Musikkultur Bestandteil komplexer kultureller Zusammenhänge, in denen ihre Stilformen erst spezifischen Sinn erhalten und Werte und Bedeutungen tragen, die sie zum Medium gelebter Alltagserfahrung macht. Verbunden mit anderen Objekten des Alltags bildet die Musik den Kontext kulturellen Verhaltens innerhalb jugendkultureller Lebensstile. Von Fans wird dabei eine dialektische Beziehung zwischen musikalischer Form und kulturellem Gebrauch in Gang gesetzt, aus der immer neue Spielweisen entstehen. So hat sich die Musik in ihren jeweiligen kulturellen Gebrauchszusammenhängen immer weiter entwickelt, sich innerhalb sozialer Alltagserfahrungen immer weiter ausdifferenziert, hin zu vielschichtigen parallelen Szenen.

Im Zuge der jugendkulturellen Pluralisierung und Differenzierung der Lebensformen und -stile, die das Spektrum der Lebensstil-Optionen erheblich verbreiterte, gibt es heute keine verbindlichen Terminologien im Zusammenhang der unterschiedlichen Facetten in den jugendkulturellen Szenen. Jugendliche werden mit einer Vielzahl von Selbstdarstellungsmustern konfrontiert, wobei sich alle diese Kulturen, Stilformen und Charaktere zu einer Art Melange vermischen und sich gegenseitig bereichern (vgl. Helsper 1991, S. 189). Jugendliche Gruppenzugehörigkeit definiert sich je nach Stil, der in Kleidung, Tanzform, Gesten und dem musikalischen Ambiente zum Ausdruck kommt. Dass sich am Stil oder Habitus die Geister und Zugehörigkeiten scheiden, ist zu einem zentralen Element aller Jugendkulturen geworden.

Infolge der im Alltagsleben beobachtbaren Variationsvielfalt jugendlicher Szenen und Lebensstile, eingeschlossen ihre Übergänge und Vermischungen, scheinen im Rahmen enttraditionalisierter gesellschaftlicher Konstellationen Konzeptionen von jugendkulturellen Szenen angemessener zu sein, als von Jugendsubkulturen. Der Begriff der jugendlichen Subkultur kann tendenziell angesichts der Infragestellung des allgemeingültigen Standpunkts einer dominanten Kultur, sowie der beobachtbaren Entpolitisierungs-, Enthierarchisierungs- und Destrukturierungstendenzen kultureller Lebensformen, durch den Plural eklektizistischer modisch stilbezogener Jugendkulturen oder Szenen ersetzt werden (vgl. Ferchoff 1990, S. 15).

Sarah Thornton (1995) hat in ihrer Studie über Club Cultures herausgearbeitet, dass jugendliche Subkulturen sich durch keine spezifischen Merkmale gegenüber anderen jugendlichen Gruppen auszeichnen. Die einzige Differenz besteht in ebenjener Zuschreibung, subkulturell, das heißt nicht Mainstream, zu sein. Und diese Zuschreibung ist zudem meist eine Selbstzuschreibung.

Endgültig aufgerieben wird das Konzept aber nicht nur dadurch, dass Subkulturen ihre Anti-Haltung verloren haben und daher eher Szenen verkörpern. Umgekehrt stellt die Individualisierungsforschung auch fest, dass einstmalige traditionale Gesellungsformen beispielsweise Familie, Kirche, Verein sich auflösen und statt dessen sich szeneähnliche Gebilde formieren. Forscher sprechen daher auch von einer gesellschaftsweiten Verszenung, die nunmehr Platz greift. Gebhardt (in Artmeier, Hitzler, Pfadenhauer, 1997) konnte beispielsweise in einer vergleichenden ethnographischen Studie sehr präzise herausarbeiten, dass die einst stark traditional geprägte Wagner-Gemeinde nunmehr zahlreiche Parallelen zu den Merkmalen der Techno-Szene aufweist. Szenen werden also zum gängigen Muster von Teilzeitvergemeinschaftungen.

Diese Szenen können heute als kulturindustriell mitproduzierte Kommunikationsgemeinschaften angesehen werden, die als Medien der sozialen Zuordnung jeweils stilistische identitätssichernde Vereinheitlichung nach innen und zugleich Abgrenzung nach außen, auch durch musikalische Vorlieben, symbolisch ausdrücken. Sie sind postmoderne Diskursabsatzbewegungen, in denen angesichts der Pluralität von Lebensformen und Stilen, der Erosion sozialmoralischer Milieus und traditioneller Lebensgewissheiten (vgl. Beck 1986) Varianten der Stilmischung oftmals reflexiv gebrochen zitierend und ironisierend erprobt werden. Sinn wird hier über Vehikel wie Musik, Tanz, Mode usw. vermittelt, so dass hier immer neue augenblicksorientierte Suchbewegungen und eklektizistische Replays ganzer Stilsets zu finden sind, die von konventionellen diskursiven Verfahren der Stilbildung und Sinnsuche erheblich abweichen (vgl. Ferchoff 1990, S. 16 f.). Hier scheint nicht das Sein sondern das Design das Bewusstsein Jugendlicher zu bestimmen, wobei man an verschiedenen Lebensmöglichkeiten und Stilen partizipieren und sich in einer Pluralität alltäglicher Lebenswelten aufhalten kann. Man legt sich nicht auf etwas Ganzes, auf eine Identität fest, sondern verliert und verwickelt sich in immer neue Identifikationen. In den postmodernen jugendlichen Szenen leben die variablen Ordnungen, Dispersionen, Differenzen und Dissonanzen (vgl. Helsper 1991, S. 195).

Die Musik wird von entstehenden subkulturellen Szenen geprägt, hier mit Werten und Bedeutungen verbunden, die von der Kulturindustrie nur noch aufgegriffen und kommerziell verallgemeinert werden müssen. Deshalb gingen die wichtigsten Innovationen und Entwicklungen der kommerziellen Jugendkultur aus Ursprüngen hervor, die außerhalb der kommerziellen Welt lagen - aus den lokalen Kontexten und Interaktionen von subkulturellen Szenen. Der Stellenwert der Subkulturen für die Musik ist deshalb von zentraler Bedeutung, da sie von den Jugendlichen, die am aktivsten Gebrauch von ihr machen, den jeweiligen Fans, gebildet werden. Diese heben sich dann durch die kreative Erzeugung von Bedeutungssystemen, die sich in andersartigem kulturellen Verhalten manifestieren, deutlich von ihrem sozialen Umfeld ab. Subkulturelle Szenen sind für die Lebensweise der Postmoderne charakteristischer Ausdruck kultureller Differenzierungsprozesse, die sich im Schnittpunkt von individuellen und sozialen Erfahrungen Jugendlicher bilden. Umgedeutete und gedeutete Objekte des Alltags bilden so den materiellen Zusammenhang kulturellen Verhaltens, der stabil genug ist, um Identität zu finden und dabei jene Bedeutungen und Werte festzumachen, die in der Musik und durch die Stars verkörpert werden.

In subkulturellen Szenen wird Musik als ein Element genutzt um eigene Ziele zu erreichen: Spaß haben, sich als Gruppe definieren, Grenzen nach Außen markieren, Körperlichkeit, Schnelligkeit und Bewegung erfahren, die Außenwelt gezielt provozieren und Stärke nach Innen und Außen zur Identitätsbehauptung gewinnen (Hermansen 1990, S. 152). Der Interesselosigkeit der Kulturindustrie gegenüber dem Inhalt und der Bedeutung von Musik, dem Gebrauchswert dieser "toten" Ware, setzt die subkulturelle Szene eine Formulierung von Gebrauchswertansprüchen gegenüber, "verlebendigt" die Musik durch ihren spezifischen selbstbestimmten Gebrauch. Infolge dieser kreativen kulturellen Leistung kommen grundlegende Homologien zwischen einer gesellschaftlichen Gruppe und ihrer Musik zustande (vgl. Hermansen 1990, S. 136).

Ungeachtet der Bedeutung subkultureller Zusammenhänge für die Entwicklung der Musikstile, der Stars und der vielfältigen Lebensstilformen, muss man beachten, dass sie immer nur durch eine relativ kleinen Kreis aktiver Fans getragen werden, während die Mehrheit der Jugendlichen eher spielerisch von einer Szene in eine andere wechselt. Der ursprüngliche Kontext der subkulturellen Stilformen, die in den Medien als Verbindung von Musik, Stars, Kleidungsstilen usw. angeboten werden, bleibt für den Großteil der Jugendlichen unwichtig. Es wird ihnen höchstens eine zeitlich begrenzte Freizeitidentität geliefert, die allerdings relativ unverbindlich bleibt: Das Publikum der modernen Massenmusikkultur besteht deshalb aus einem Mischungsverhältnis von aktiven Fans und Jugendlichen, für die die Musik und die Stilform nur eine attraktive Wahlmöglichkeit neben anderen darstellt.

Eine latente Funktion subkultureller Szenen besteht darin, die Widersprüche, die in der Stammkultur ungelöst bleiben, zum Ausdruck zu bringen und auf symbolische expressive und magische Weise zum Ausdruck zu bringen, wobei der Prozess der Stilschöpfung als Bastelei, als Neuordnung und Rekontextualisierung von Objekten verläuft. In einer erweiterten Perspektive des subkulturellen Ansatzes abweichenden Verhaltens kann man feststellen, dass angesichts tiefgreifender sozialstruktureller Veränderungen und der Differenzierung und Pluralisierung sozialer Lebenswelten, in denen die einzelnen Lebensbereiche immer weiter ohne gesellschaftlich Integration auseinander treten, sich verschiedene soziale Subsysteme bilden, in denen höchst unterschiedliche Werte und Normen gelten können, die von den gesamtgesellschaftlichen Verhaltenserwartungen abweichen. Dominante Kultur, Gegenkultur und Subkultur sind heute nur schwer auseinanderzuhalten, sie überkreuzen und mischen sich vielfach. In solchen Übergangszeiten der tiefgreifenden systematischen und lebensweltlichen Umwälzung, der Kontinuitätsbrüche oder Zäsuren macht schnell im Rahmen der Zeitsituation das Wort Krise die Runde. Wenn die kulturelle Balance in Unordnung gerät, die dominante Kultur die Wandlungen nicht mehr verarbeiten und sinnvoll interpretieren kann und eine große Zahl individueller Karrieren nicht mehr nach alten Ordnungsprinzipien miteinander synchronisiert werden kann, formiert sich eine Vielzahl von Gegenkulturen, in denen experimentell und deshalb zu Extremen von Rückzug und Aggression, von Vergeistigung und Sinnenrausch neigend alternative Ordnungsmuster durchprobiert werden (vgl. Ferchhoff 1990, S. 21). Innerhalb dieses kulturellen Kontextes müssen auch die Stars der Pop-Musikkultur angesiedelt werden. Infolge der postmodernen Krisenhaftigkeit erfahren hier eine Vielzahl von "devianten" Außenseitern in unterschiedlich extremen Ausprägungen immer wieder "Charismatisierung" von Seiten des Publikums.