B. 6. Emotionen - symbolische Sinnwelten und moderne Mythen

Heute ist besonders im Kontext von Modeelementen und Musikstilen eine zuweilen hedonistisch-erotische, ausdrucksstarke und affektive Orientierung innerhalb der pluralen Stilmischung von Jugendkulturen zu beobachten, die immer neue Spielformen der Selbstbehauptung von Individualität entstehen lässt. Sinn wird jenseits ständiger Selbstvergewisserung und -reflexivität über bestimmte lebensstilstiftende Mythen der postmodernen Jugendkulturen transportiert und über jugendkulturell eigenständige Erlebnisräume und Ausdrucksfunktionen durch Konsum, Kleidung, Bewegung, Tanz, Musik usw. vermittelt. Die Musik wirkt dabei wenig kritisch, da sie nicht den Intellekt, sondern das Gefühl anspricht. Die Bestimmung des Inhalts von Musik ist entsprechend problematisch, da allein Assoziationen eine überindividuelle Wirkung begründen. Dennoch hat die Musik insbesondere für spezifische jugendkulturelle Stilformen eine eminente Bedeutung, sie fungiert als Bindemittel zur Gruppenbildung und kann die symbolische Bewältigung der gesellschaftlichen Realität ausdrücken.

Man kann die Sinnorientierung und -vermittlung gerade in Bezug auf Musik- und Stars in Jugendkulturen eher als affektuell im Weberschen Sinne auffassen: als ein Handeln, das durch aktuelle Affekte und Gefühlslagen motiviert ist. In seiner reinsten Form ist es damit ein "hemmungsloses Reagieren auf einen außeralltäglichen Reiz" (zit. nach Weber 1974, S. 12), eine direkte Entladung der Gefühlslage und steht somit an der Grenze zu bewusstem, sinnhaften Handeln. Allerdings werden von Weber Affekte als psychische Disposition, als Ursache für soziales Handeln angenommen, ohne sie selbst wieder zu soziologisieren. Affektuelles Handeln ist für ihn ein Kausal durch Emotionen verursachtes Handeln, bei dem der Handelnde seine Bedürfnisse nach aktuellem Genuss, aktueller Hingabe, aktueller kontemplativer Seligkeit oder nach Abreaktion aktueller Affekte befriedigt. Die eigentliche soziologische Fragestellung nach den sozialen Bedingungen, die zu bestimmten Affekten führen, nimmt Weber nicht in den Blick. Deshalb ist auch die Abgrenzung der affektiven Sinnorientierung als Kausal motiviert nicht haltbar, da auch Affekte intentional sind und eine spezifische Form der Weltkonstruktion darstellen (Gerhards 1987, S. 35 f.).

Durkheim hat in seinen wissens- und religionssoziologischen Arbeiten die Frage in den Mittelpunkt gestellt, wie Emotionen soziale Wirklichkeit konstruieren. Die basale Dichotomie der sozialen Wirklichkeit ist dabei für ihn die zwischen Einzelnem und Kollektiv, zwischen Gemeinschaft und Fremde. Beide Unterschiede sind durch die unterschiedliche affektive Wertigkeit gekennzeichnet. Das über den einzelnen Hinausgehende und sich von anderen Kollektiven Abgrenzende wird affektiv besetzt, in Symbolen festgehalten, in Ritualen produziert und reproduziert und konstituiert dadurch den Unterschied zwischen profan und sakral, als die ursprünglichste aller sozialen Differenzen (vgl. Durkheim 1981, S. 61 f.). Emotionen sind für Durkheim fundamental als Element jeglicher Konstruktion sozialer Wirklichkeit, da durch unterschiedliche affektive Besetzung die Welt erst strukturierbar wird in nah und fern, innen und außen, fremd und eigen, zur Schaffung von Differenz und sozialer Distanz.

In der Bedeutungsebene von Musik und Stars sind für die jugendkulturellen Stilformen die grundlegenden Wertvorstellungen, zentralen Problemdefinitionen und handlungsleitenden Wissensmuster angesiedelt. So kann ein alltagsästhetisches Zeichen wie die Musik das Subjekt zum normativen Kern seiner Lebenspraxis führen. Der Mensch ist von dem ergriffen und findet sich selbst in dem, womit er sich identifiziert. Die entstehenden Homologien von musikalischen Mustern und zentralen Werten von Stilgruppen steuern auch die Selektion der alltagsästhetischen Zeichen, in denen sich die Gruppe wiedererkennen will. Dabei kann man solche stilhomologen Lebensphilosophien als Mythen bezeichnen (Barthes 1964, Willis 1979, Brake 1981, Helsper 1991), da in dem Symbolkosmos der einzelnen Stilgruppen immer auch entsprechende lebensphilosophische Nebenbedeutungen eingegliedert sind, die zur unterschwellig gespürten Atmosphäre werden. Stil steht als Ausdruck für bestimmte Leitbilder, die als eine Art "kulturellen Totemismus" mit "Ahnen", "Göttern", "Heiligen" oder "Künstlern" verbunden sein können (Schulze 1993, S. 113). Jede Stilform hat einen sakralen Bereich von Kultobjekten, die mit der Lebensphilosophie übereinstimmen.

Wenn man versucht, den Umgang mit den Produkten der Musikkultur als emotional besetzten "sakralen" Prozess zu deuten, zeigt sich, dass die Bedeutung der Musik und der Stars nur innerhalb des kulturellen Verweisungszusammenhangs, wie einer ausdifferenzierten Jugendkulturszene oder einer Fangemeinde zu verstehen ist. Das einzelne Objekt erhält Bedeutung, indem es sich innerhalb des Verweisungszusammenhangs vom Umfeld abgrenzt, sich als Stil abhebt. Musik als Alltagskunst lässt sich so als "sakraler" Gegenstand verstehen, der eine stark emotional besetzte persönliche Unterscheidung zwischen profan und sakral im Durkheimschen Sinne ermöglicht. Stars erscheinen als Kultobjekte, Discos und Konzerthallen als Kultstätten, Konzertbesuche als die Rituale der sakralen Praxis, DJs als Prediger, die Türsteher und Ordner als die Wächter des Heiligen.

Es geht immer darum, was erlebende Subjekte aus Gegenständen, Stoffen und Situationen machen. Aus der Sicht des Handelnden wird ein Zeichen, z. B. ein Musikstück in einer Wahlsituation angeeignet, da er dadurch in seinem Innenleben bestimmte Wirkungen und Bedeutungen hervorrufen kann, die ihm Sinn, Orientierung und Identität erst verschaffen. Als Folge der postmodernen Pluralisierungs- und Auffächerungstendenzen entstand so eine Vielfalt gesellschaftlich abgetrennter Subsinnwelten, deren Struktur vor allem aus ästhetischen Vorlieben hervorging und die der Identitätsfindung dienen. Diese symbolischen Subsinnwelten werden durch die eigentlich archaische Form einer Mythologie abgestützt und legitimiert und sind in jugendkulturellen Szenen in der Lebenswelt integriert. Jede Perspektive der Subsinnwelten ist mit all ihren Weltanschauungen aufs engste mit den Interessen ihrer Trägergruppe verknüpft. Diese Form von Mythologie wird dabei von den jugendkulturellen Lebensstilen als ursprünglichste Form einer Stützkonzeption zur Legitimation der Subsinnwelten aufgebaut, innerhalb derer die dauernde Einwirkung des Sakralen auf die Erfahrungen in der Alltagswelt angenommen wird. Die Sinnwelten sind auf dieser Ebene objektive Wirklichkeit und werden größtenteils über Musik und Stars, die mit ihrem Image wirken, transportiert. Da das mythische Denken mit einem Kontinuum zwischen der Welt der Menschen und der Götter operiert, reicht der Star als Kultfigur bis in die symbolische Sinnwelt des Einzelnen und trägt so zur Integration verschiedener Sinnprovinzen des Alltags bei. Durch ein Idol kann die Ordnung des Daseins als symbolische Totalität überhöht werden. Die Bildung einer eigenständigen Weltsicht erfolgt mit Hilfe symbolischer Figuren, die nicht im Alltagsleben erfahren werden können. Die absolute Legitimation für das Selbstbild und das richtige Handeln im Rahmen der Identitätsstruktur ist dessen Stellenwert zu der Bezugsfigur. Die symbolische Sinnwelt bringt so Ordnung in die subjektive Einstellung zur persönlichen Erfahrung. Besonders die Jugendphase legitimiert sich als Seinsweise in der Art einer bestimmten Beziehung zu der Welt der "Götter" bzw. zu Musikstars und Kultfiguren. Die Legitimation durch Stars in einer symbolischen Sinnwelt erstreckt sich auf die Wirklichkeit und Richtigkeit der eigenen Identität des Einzelnen, die ja von der Verbindung des Individuums mit signifikanten Anderen abhängig ist. Identität erhält erst ihre definitive Legitimation, wenn sie in den Zusammenhang einer symbolischen Sinnwelt gestellt wird. Der "wirkliche" Name des Menschen ist der, den ihm seine "Götter", seine Stars verliehen haben.