C. 6. Berühmtheit als Darstellungskunst

Madonna ist unzweifelhaft in erster Linie mehr eine öffentliche Selbstdarstellerin als eine Sängerin, Tänzerin oder Schauspielerin, sie ist vor allem ein Star, eine Kultfigur (vgl. Bego 1992, S. 17). Sie betrachtet offenbar die Berühmtheit an sich als ihre Kunst (vgl. Penth und Wörner in Diedrichsen 1993, S. 42) und ihre Kommunikationsebene ist die Sexualität: "Sie ist ein sexuelles Wesen. Es ist ihre einzige Art zu kommunizieren" (zit. nach Barbone in Anderson 1992, S. 91). Dabei gelingt es ihr immer wieder für Selbstskandalisierung zu sorgen, die ihren Ruhm nur noch vergrößert. Sie durch schlechte Presse zu erledigen ist "wie der Versuch Feuer mit Benzin zu löschen" (vgl. Bego 1992, S. 15). Sie nutzt die sexistische (Doppel-)Moral der Medien schamlos aus, wobei gerade die zahllosen Skandale und Kontroversen um ihre Person sie erst zur echten Berühmtheit machten, ob es zensierte Videos, Nacktfotos in "Playboy" und "Penthouse", ordinäre Sprüche, die Ehe mit einem gewalttätigen Schauspieler, Gerüchte über lesbische Affären, der Bann des Papstes, Filmpleiten, lausige Kritiken oder Promiskuität waren. Nahezu ihre gesamte Karriere basiert auf einem Sexskandal nach dem anderen, und jeder trug noch zu ihrer Popularität bei. Aufgrund der symbolischen Aspekte, die ihre Darstellung beinhaltet, spricht sie vor allem subkulturelle Gruppen unterschiedlichen Grades von Marginalität an, neben einem eher voyeuristisch eingestelltem "Mainstream"-Publikum.

Die Öffentlichkeit konstruierte des Phänomen erst: Es ist Folge eines konflikthaften Diskurses zwischen ablehnenden Eltern, der Kirchen, der Teenager-Konsumkultur, den Medien, Feministinnen, Homosexuellen, Wissenschaftlern und Madonna selbst. Sie lebt freiwillig als reines Zeichen, ausschließlich öffentliche Figur, als Image und Ikone, ihr gesamtes Leben besteht aus Darstellung. Die Fans bewundern sie als Göttin, während die für das ablehnende Publikum ein zeitgenössisches Monster repräsentiert. Von Anfang an wurde Madonna zum Objekt heftiger Kritik und Feindseligkeit, ihre Songs, Videos und öffentlichen Auftritte stießen auf starke Ablehnung. Sie wurde als Nutte, Anti-Christ, Schwachsinnige, Familienfeindin, Zumutung oder Männerfresserin bezeichnet und so in die Rolle der symbolisch-kulturellen Konstruktion eines freakhaften marginalen Außenseiters gedrängt, der sich um Begriffe wie Geschlecht, Rasse, Ethik, Klasse oder sexuelle Orientierung rankt, um Eigenschaften, die von der Gesellschaft mit Stigmata belegt werden. Dennoch gelang es Madonna, die in ihrer Darstellung hohe kulturelle Normen und Werte überschreitet, von einer sozial randseitigen in eine symbolisch zentrale Position zu rücken (Schulze in Schwichtenberg 1993, S. 16).

Nach Paglia (1993) zeigt Madonna jungen Frauen, wie man durch und durch weiblich sein kann, ohne die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Die Art ihrer Darstellung habe von Anfang an eine extravagante und parodistische Note gehabt, da man nie wusste, ob man sie positiv oder grotesk finden sollte. Ihre Starqualität komme dabei immer erst gänzlich zum Vorschein, wenn sie die "Unscheinbarkeit und Schlichtheit ihres wahren Gesichts" zur Schau stellt (Paglia 1992, S. 18). Durch ihr Spiel mit den funkelnden Extremen des Bösen und der Unschuld, den mythologischen Gestalten der Hollywoodstudios und den spirituellen Spannungen des italienischen Katholizismus verkörpere sie mit einem wagemutigem und grellen Scharfblick für die Geschlechterrollen ein Rollenvorbild der "Wiederherstellung der weiblichen Herrschaft über das Reich der Sexualität" während auf der anderen Seite der kulturelle Widerstand gegen Madonna manifest wurde, da sie das weibliche Geschlecht "entehre". Entsprechend wurde sie als vulgär, blasphemisch, dumm, flach und opportunistisch bezeichnet. Infolge der Darstellung der verpönten Masken der Sexualität habe sie die getrennten Hälften der Frau zusammengefügt und wieder miteinander verschmolzen: die Jungfrau und die Hure (Paglia 1991, S. 20 f.). Die Art ihrer Selbstdarstellung lässt vielfältige Anknüpfungsprodukte entstehen, indem ihr sexuelles Experiment von den Fans als Befreiung aus falschen und verengten Kategorien gelesen werden kann, während sie vom sie ablehnenden Publikum verurteilt und stigmatisiert wird.