D. Madonna und Postmoderne

D. 1. Simulation und Wandlung

Madonna wird gern als die Repräsentantin der Postmoderne benutzt, da sie beispielhaft deren Verfassung radikaler Pluralität in sich zu vereinen scheint, mit all den verbundenen Eigenheiten wie Ambivalenz, Mehrfachkodierung, oberflächlicher Eklektizismus, potenzierte Vielfalt, Fragmentierung, Szenenwechsel, Kombination des Diversen, Irritation, Ambiguität, Ungewissheit und Simulation. Allerdings läuft man hierbei Gefahr, die Identität von Madonna im endlosen Spiel der Bedeutungen und Oberflächen zu verlieren, denn trotzdem besitzt sie Identität und Substanz und zwar jeweils an dem Punkt, an dem das Publikum selbst Bedeutung findet.

"Postmoderne" signalisiert einen vielfachen Wandlungsprozeß, es geht um Umstellung und Wandel im ästhetischen, soziologischen, ökonomischen, technologischen, wissenschaftlichen und philosophischen Bereich, um den Wechsel von Moderne zu Postmoderne, um eine andauernde Phase des krisen- und risikobehafteten kulturellen Übergangs (vgl. Welsch 1987, S. 11). So finden sich heute gesamtgesellschaftlich Phänomene der klassischen Entwicklungspsychologie, wie Phasen der Destabilisierung, Innenwendung und Distanzierung. Auch hier werden Parallelen zum Madonna-Phänomen deutlich, welches selbst einen andauernden und vielfachen Wandlungsprozeß darstellt. Madonna wandelte sich vom pummeligen, angepunkten Popstarlet mit Nabelschau und "Boy-Toy" Gürtel über das Marilyn Monroe "Look-a-Like", über die brünette Frau mit leicht geöffneten Lippen und Kreuz um den Hals, über das androgynen Wesen mit kurzem platinblondem Haar, über die schwarzhaarige Esoterikerin zur Mutter und zum modernen Cowgirl. Sie besitzt so viele Abbilder, dass eine Festlegung ihr Prinzip ad absurdum führen würde. Sie ist die wandelbarste Projektionsfläche dieses Jahrhunderts in Form eines menschlichen Stars (vgl. Penth und Wörner in Diedrichsen 1993, S. 27 f.).

Es ergab sich zudem ein geschlossener Kreislauf von Madonnas Berühmtheit, indem sie das Publikum zu einem gewaltigen (Schlafzimmer-) Spiegel ihrer selbst machte, was besonders durch den Film "Truth or Dare" deutlich wurde. Sie arbeitet selbstbewusst am Übergang zwischen Privat und Öffentlich, Subjekt und Objekt, wobei das Publikum in diesem Kreislauf nicht ausgeschlossen ist, sondern eingeladen, eigene Bedeutungen zu kreieren und so den Star selbst einzusetzen. In diesem Sinne ist Madonna auch in einem andauernden Stadium des Entstehens, der Genese, sie ist fortdauernd ein "Werdender-Star" (vgl. Seigworth in Schwichtenberg 1993, S. 308 f.).

Durch ihr Spiel mit einer Vielzahl von verschiedenen Rollen erreichte sie eine flexible "postmoderne Plastizität" (vgl. Bordo im Schwichtenberg 1993, S. 265 f.).

Startum definiert sich heute durch die Abwesenheit von Grenzen und Beschränkungen zwischen verschiedenen Medien und Genres. Als Kopf einer Firma steuert Madonna ihre eigene Image-Kontrolle und erscheint so gleichzeitig als Produkt und Resultat ihrer eigenen kreativen Selbstgestaltung. So erfüllt sie in den Augen der Fans die traditionellen Begriffe von Kreativität und Urheberschaft, indem sie als Garant für die Wahrheit des Diskurses ihres Startums steht. Der Diskurs über die Authentizität wird nicht mehr hinter dem Rücken der Stars ausgetragen, um so unter der Oberfläche der Darstellung gewisse Authentizitätszeichen finden zu können, die dazu dienen in der Öffentlichkeit eine Authentizitätsrethorik zu konstruieren, sondern Madonna engagiert sich bewusst, um diese Rhetorik an die Oberfläche zu bringen und so ihre Effekte kontrollieren zu können. Für die Fans bleibt sie deshalb ein authentischer Künstler, während jene, die sie ablehnen, die Legitimität ihrer Berühmtheit weiter als fremdkonstruiert ansehen (vgl. Seigworth in Schwichtenberg 1993, S. 306 f.).

Somit ist nicht nur aus einer postmodernen, manieristischen Szene hervorgegangen, sondern infolge ihrer Darstellungsstrategie selbst ein Star des Übergangs, des Wandels. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass man bei ihr eine Vielzahl "postmoderner" Phänomene wie Ambivalenz, Doppelkodierung, Simulation, Seduktion, Vielzahl von Oberflächen und Multiplizität findet. Gerade der Charakter einer Übergangs- bzw. Zwischenphase impliziert, dass das Handeln und die symbolische Selbstpräsentation einen experimentellen, ambivalenten und zweideutigen Ausdruck haben muss. Es wird in Übergangsphasen versucht, bewusst ein soziales Selbstbild, ein "Image" herzustellen, indem Strategien gesucht werden, die das Verhältnis von "eigentlichem Selbstbild" und "hergestelltem Fremdbild" bestimmen (Goffman 1978, S. 10 f.). Entscheidend ist dabei die Möglichkeit, Eindrücke bewusst herzustellen (Impression-Management), die den Übergangs-Charakter der Form der Selbstpräsentation prägt. Man hat es hier mit Zwischenwelten zu tun, Welten zwischen Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit, die besondere Formen des Verhältnisses zur Wirklichkeit erzeugt, die stärker intellektualisiert, möglichkeitsorientiert, distanziert spielerisch, unterschiedlich gestaltend und wechselhaft sind. Wer, wie gesagt, in dieser Phase der Kulturentwicklung (oder bei diesem Phänomen eines Stars) Eindeutigkeit sucht, verfehlt deshalb gerade das Charakteristische (vgl. Fend 1990, S. 249 ff.).

Da ihre Kommunikationsebene in erster Linie die Sexualität ist, kann man sie auch vor allem als Repräsentantin der Kategorienkrisen in diesem Bereich sehen. Dekonstruktion ist hier eines der grundlegenden Schnittmuster der Postmoderne: in einem ersten Schritt die Verkehrung der Oppositionen, alle auf dem Weg zum Unisex, woraus im zweiten Schritt ganz neuartige Konstellationen hervorgehen können. Doch scheint sich dieser Phänomenbereich in diesem Fall nur auf den ersten Schritt zu beschränken, da bei Madonna zunehmend Indifferenz expandiert und "Simulation" in die Kernzone eindringt. Denn die Unmöglichkeit Madonna festzulegen oder einzuordnen und die Vielfalt ihrer Person zeigt Parallelen zu Baudrillards (1985) Konzept der Simulation auf. Im Überfluss von Bildern, Images, Zeichen und Informationen unserer Massenmedienkultur, die nicht länger auf etwas verweisen, sondern nur noch miteinander interagieren, resultiert eine austauschbare, unsichere Bedeutungssetzung. So kann auch Madonna als eine Ikone der Originalität und Individualität nur noch in einem Zirkus der Simulation vorgeführt werden (wobei Simulation offensichtlich auch in bestimmten Fällen die Rettung des Originals darstellen kann) (vgl. Welsch 1987, S. 204). Dabei funktioniert diese Simulation bei Madonna aber auch immer noch als ein Element ihrer Strategie, vormals vollständige Dichotomien von Geschlecht und Sexualität in Frage zu stellen (vgl. Pribram in Schwichtenberg 1993, S. 201 f.). Doch auch Phänomene wie Madonna praktizieren meist die Aufhebung der Gegensätze ohne zur Entwicklung neuer Figuren zu gelangen.

In der Informationsgesellschaft, wo Wirklichkeit durch Information erzeugt wird, ist es zunehmend unmöglich geworden, zwischen Realität und Simulakrum zu unterscheiden, da sich beide einander durchdringen. Von der Phase der klaren Gegensätze ist man so nach Baudrillard (1978) in die Phase der Hypertelie übergegangen, zur Wucherung und Obszönität. An Stelle des Spiels mit Differenzen tritt die Wachstumsprogression des Gleichen. Von einem bestimmten Punkt an arbeiten Systeme nicht mehr an ihren Widersprüchen, sondern gehen in die Ekstase der Selbstbespiegelung über. Ein Zustand in dem Sexualität strukturlos wuchert und alle Neigungen absorbiert werden, hin zu monströser Saturierung und Überfütterung (vgl. Welsch 1987, S. 150 f.). Hier muss man auch unweigerlich an Eindrücke denken, die beim Betrachten von Madonnas´ "SEX" -Buch erweckt werden können.

Wenn im folgenden von "postmodernen" Phänomenen in Bezug auf Madonna die Rede ist, soll also vor allem ihre Art der Darstellung von Sexualität und der Charakter einer fortdauernden Übergangsphase betont werden, um nicht die Hauptaspekte des Phänomens aus den Augen zu verlieren.