D. 2. Doppelkodierung der Darstellungsart

Madonna spielt in ihrer Darstellungsart mit gegensätzlichen und vielfältig unterschiedlichen Bedeutungen, die immer wieder Kontroversen und Beifall auslösen. "Alles was ich mache soll verschiedene Bedeutungen haben, Ambiguität besitzen." (Madonna in Schwichtenberg Hg. 1993, S. 296). Die postmoderne Kunst versucht, den Anspruch des Elitären nicht durch Aufgabe desselben zu überwinden, sondern durch Erweiterung der Sprache in verschiedene Richtungen. Daher die Doppelkodierung, die sowohl eine Elite als auch den Mann auf der Strasse anspricht, im Sinne von "Cross the Border -Close the Gap" (Welsch 1967, S. 19). Doppelkodierung ist dabei in Zeiten ästhetischen Pluralismus nur die Minimalformel für "Mehrfachkodierung". So findet man, wenn die Akzente anders gesetzt werden, als weiteres entscheidendes Element postmoderner Kunst, dass diese entsprechende Gebilde der Fiktion und Imagination schafft. Die postmodernen Kriterien der Kunst sind deshalb nicht nur Funktion, sondern auch Fiktion. Das Resultat sind dann nicht nur Funktions- und Konstruktionswunder, sondern vor allem Darstellungen von symbolhaften Gehalten und bildnerischen Themen. Ästhetische Fiktionen treten hier nicht abstrakt als reine Formen, sondern gegenständlich in Erscheinung (Welsch 1987, S. 22). Wie bereits angemerkt, trägt die postmoderne Vielsprachigkeit dabei die Gefahr des oberflächlichen Eklektizismus in sich, da Pluralismus die Stimmigkeit erschwert und Beliebigkeit fördert. Die Potenzierung der Vielfalt steigert diese nicht, sondern kann sie durch Vergleichgültigung auch auslöschen.

Dies angewandt auf Madonnas Geschichte des Aufstiegs und auf die Untertexte ihrer Videos zeigt, dass so einerseits eine postmoderne "feministische" Fiktion geschaffen wurde, während der manifeste Inhalt der Videos auch stark den traditionellen "patriarchalischen" Sexualvorstellung entspricht. Auch wenn man ihre Darstellungen als kodierte Form weiblicher Unabhängigkeit sehen kann, wissen Madonna und ihre Kreativen genau, dass sie eine Menge Männer erregt, wenn sie sich möglichst nuttig auf dem Boden herumrollt und dass dies als Werbung zieht und Konsumenten bringt. So war ein gewisser "Schmuddel"-Faktor unzweifelhaft ein wichtiges Element ihres Aufstiegs zum Ruhm, doch erklärt er nicht ihr fortdauerndes Superstardasein. Denn einerseits ist es ein Job mit hohem Umschlagsrisiko, das zeitgemäße Sexsymbol zu sein, weil die sexuellen Phantasien nach Abwechslung dürsten. Andererseits zeigt sich sogar, dass ein großer Teil des männlichen Publikums Madonna abzulehnen scheint. Madonna als Sexobjekt erscheint so nur eine ihrer vielfältigen Theatergarderoben zu sein. Die Mehrheit der Madonna-Fans waren auch immer schon heterosexuelle junge Frauen gewesen (Tetzlaff in Schwichtenberg 1993, S. 242 ff.). Viele Aspekte ihrer Darstellungen sprechen zudem subkulturelle Gruppen an, ohne von ihnen direkt ausgegangen zu sein. Sie können aktiv Bedeutungen setzen und symbolische Elemente für sich in Anspruch nehmen. Ein "Mainstream"-Künstler wendet sich so an die "Masse" und zugleich an weibliche Teenager, Homosexuelle, Bisexuelle, Feministinnen und eine Vielzahl anderer Minderheiten.