E. 3. Krisenresistenz des Images

Während manche Stars für jeden kleinen Fehler extremer Kritik ausgesetzt sind, gibt es paradoxerweise andere, die tun und lassen können, was sie wollen. Sie behalten ihre Popularität, auch wenn sie Dinge tun, die die Reputation eines gewöhnlichen Menschen ruinieren würden. Madonnas Videos involvierten sie regelmäßig in spannungsbesetzte öffentliche Dramen, sie identifizierte sich mit vielen Arten sozial marginaler Gruppen oder Praktiken, die normalerweise ein Massenpublikum abstoßen würden, doch blieb sie extrem populär. Sie vermochte selbst Situationen zu trotzen, die einen enormen Rechtfertigungsdruck auf sie ausübten wie 1985 die Veröffentlichung von fünf bis sechs Jahre alten Nacktfotos von ihr in "Playboy" und "Penthouse". Madonna konterte, sie schäme sich für nichts, denn warum hätte sie für 1,50 $ bei "Burger-King" arbeiten sollen, während sie als Aktmodell 10 $ pro Stunde verdienen konnte (vgl. Penth und Wörner in Diedrichsen 1993, S. 44).

Ihr Image ist auffällig resistent gegenüber Krisen, nichts konnte ihr bisher etwas anhaben. Sie wird schon als "Teflon-Idol" bezeichnet, da nichts an ihr haften bleibt. Obszönität, Schmierigkeit, Blasphemie oder Perversität, alles gleitet von ihr ab. Sie ging immer wieder unbeschadet aus spannungsgeladenen Konflikten hervor, die sie nur in Treibstoff für ihre eigene Berühmtheit transformierte (vgl. Tetzlaff in Schwichtenberg 1993, S. 259).

Die Gründe hierfür könnten an der Vielfältigkeit ihrer dargestellten Haltungen und Rollen liegen. Jede neue Rolle ihres wechselhaften Images ist auch immer mit bestimmten Privilegien verbunden. So erwartet man vom "bösen Mädchen" oder von der "femme fatale" geradezu, schockierende Sachen zu hören oder zu sehen. Die Öffentlichkeit ist bei Madonna inzwischen sogar enttäuscht, wenn diese ausbleiben. Gleichzeitig bekleidet sich Madonna auch immer nur kurz mit einer Rolle und wechselt unberührt zu einer anderen, ohne sich verbindlich damit zu identifizieren.

Ein weiterer Grund für die Immunität ihres Images kann sein, dass es Elemente beinhaltet, die alle Fehler der Person wie z.B. Egozentrik, Selbstsucht, Größenwahn oder Obszönität kompensieren können. Als siegreiche Heldenfigur hebt sie so Fehler in andere Sphären und verwandelt Obszönität in Seduktivität, in Verführung (vgl. Tetzlaff in Schwichtenberg 1993, S. 251).

Die Komödie stellt ein weiteres kompensierendes Element negativer Darstellungen dar. Ein Star kann beinahe mit allem davon kommen, wenn es nur ironisch genug dargestellt wird. Madonnas Shows sind oft beißend ironisch und humorvoll. Wenn sie sich sexy gibt, ist sie praktisch eine Parodie aller amerikanischen Sexgöttinnen. Madonna ist eine Komödiantin; sie bietet mit todernster Miene etwas an, nämlich sich, und wenn jemand das mit todernster Miene nimmt, lacht sie sich halbtot darüber. Nicht umsonst hat sie mehr als einmal gesagt: "Wer die Ironie und den Humor bei mir und meinen Shows nicht erkennt, ist selbst schuld." (zit. nach Edenhofer 1987, S. 92). Auch in Talkshowauftritten begeisterte sie mit Witz und Selbstironie und demonstrierte ein Gespür für komödiantisches Timing, um immer die Erste zu sein, die sich über sich lustig macht (vgl. Anderson 1992, S. 91; Bego 1992, S. 155 und S. 267). Allerdings ist Ironie nicht für alle Teile des Publikums gleich sichtbar, d.h. die Fans erkennen sie, während Unbeteiligte eher schockiert sind.

Insgesamt kann man aber auch zur Krisenresistenz anmerken, dass ihr Image - das gesamte Phänomen - gerade von solchen Krisen lebt, es solche Krisen anzieht und aus ihnen seine Energie bezieht. Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass ihr all diese Vorwürfe nicht wirklich etwas anhaben konnten.