F. Polarisierung der Öffentlichkeit durch die Werke

 Fast alle Veröffentlichungen über Madonna sind sich darin einig, dass sie eine dramaturgische Strategie verfolgt, in deren Mittelpunkt sie selbst und die Erweiterung ihres Images steht, eine eigene Ikonographie zu bilden und eine lebendiger Teil davon zu sein. Im Vordergrund des Interesses müsse deshalb weniger ihr Gesang, der Tanz oder ihre Schauspielerei stehen, als vielmehr die Art und Weise, wie sie zur Aufmerksamkeit gelangt.

"Es kann nicht länger angezweifelt werden, dass Madonna die Berühmtheit an sich als ihre Kunst betrachtet."

(zit. nach Christgau: Penth und Wörner in Diedrichsen 1993, S. 42).

Das "Gesamtkunstwerk Madonna" muss also auch der Gegenstand soziologischer Analyse sein und aus den vielfältigen Bildern ihres Images und ihrer Mythologie aufgeschlüsselt werden. So soll versucht werden, ihren Weg als Berühmtheit als Medienstar in Hinsicht auf ihre Videos, ihre Filme und Buchveröffentlichungen zu verfolgen, um die Vielfalt der Elemente, die das Publikumsinteresse trafen, einordnen zu können.

Aus der Sicht von Kritikern und auch, was die Reaktionen der Öffentlichkeit betraf, war künstlerisch gesehen "Like a Virgin" Madonnas erstes großes Video. Mit der Artikulation der Jungfrau/Hure Dichotomie erfolgte hier offenbar die Imageprägung, erfolgten heftige Reaktionen der Öffentlichkeit, deren extreme Polarisierung in etwa dem dargestellten Gegensatz entsprach. Religiöse Gruppen, besonders Angehörige der katholischen Kirche ereiferten sich angesichts der Verwendung religiöser Symbole, beim Anblick der Kruzifixe, die sie an Halsketten und Ohrläppchen baumelnd trug, während junge Frauen (Madonna-Wannabes) sie in Massen zu imitieren begannen. Von einer Imageprägung zu sprechen ist dabei allerdings insoweit problematisch, da Madonna keinerlei Konsistenz erkennen lässt, sich in vielfältigen Mutationen immer weiter entwickelte. Dennoch erfolgte hier der Sprung vom Sternchen zum Idol und auch ihr Bild in der Öffentlichkeit differenziert sich von da an um diese Dichotomie herum weiter aus. Bis heute wird sie von ihren weiblichen Fans als "reine Jungfrau", als eine Rollenmodell neuer unabhängiger und selbstbestimmter Weiblichkeit und Sexualität gesehen, während sie für die Teile des Publikums, die sie ablehnen wie eine Prostituierte agiert und all das zu repräsentieren scheint, was in der heutigen Kultur schlecht ist.

Bisher sind Frauen in der kommerziellen Popkultur vor allem auf die Rolle der Sängerin verwiesen und verkörpern dann höchstens das sexuell akzentuierte Image der "femme fatale", ganz nach dem Motto: "Kommt nur näher Jungs ... !" Den Sexismus in der Popkultur und die sexistischen Elemente in der Popmusik kann man allerdings nicht losgelöst von der dahinterstehenden Gesamtkultur und deren Industrie betrachten, die profitorientiert ist und nicht gern gesellschaftskritische Töne produziert, da sie sich in der sexualisierten Warenwelt damit selbst das Wasser abgraben würden. Deshalb fallen Musikerinnen, die das herkömmliche Frauenbild in Frage stellen, gewöhnlich aus dem Rock- und Popbusiness heraus. Dennoch kann es manchen Musikerinnen gelingen, in ihrem Auftreten dieses Frauenbild zu transzendieren, wobei ihr Image dann oft etwas aggressives zerstörerisches hat (vgl. Brake 1981, S. 152 ff.). Auch Madonna ist in diesem Kontext einzuordnen, wenn man ihr Auftreten verstehen will, doch schien sie in der Verschmelzung der Jungfrau/Hure Dichotomie im "Like a Virgin" Video nicht nur das herkömmliche Frauenbild zu transzendieren, sondern setzt in ihrer weitergehenden Auseinandersetzung mit dem traditionellen Madonnen-Mythos, der beiträgt die Dichotomie der Geschlechter zu regeln, weit früher an. Gerade damit traf sie offenbar den neuralgischen Punkt der von Kategorienkrisen gebeutelten Postmoderne.

Da die Erwartungshaltung und Reaktionen von Seiten des Publikums nicht ihrem eigenen Weltbild und ihren eigenen Wünschen entsprachen, ging sie zum Gegenangriff über und begann die sexistische Doppelmoral der Medien für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Durch exhibitionistische Offenheit und provokative Selbstskandalierung gelang es ihr, Unabhängigkeit von kulturellen Zwängen zu demonstrieren. Ihre Karriere ist von den durchgehenden Themen der Dekonstruktion von Sexualität und Moral und der Offenbarung des Privaten im Austausch für öffentlichen Einfluss gekennzeichnet (vgl. Tetzlaff in Schwichtenberg 1993, S. 243 ff.). Madonnas erfolgreiche Selbstinszenierung, ihre geschickte Eindrucksteuerung erfolgte in erster Linie durch das dramaturgische Mittel des Skandals, welches ihr Lebenselixier darstellt, obwohl sie sich "...keinesfalls als Künstlerin kompromittieren wollte, indem sie eine der vielen Skandalnudeln wurde." (zit. nach Anderson 1992, S. 255). Doch da ihr Privatleben den Medien noch zusätzlich zu ihren öffentlichen Auftritten Stoff lieferte, schwamm sie auf einer Woge der Publizität.

So sollen im Folgenden chronologisch einige ihrer polarisierenden und provozierenden Werke aufgezeigt werden, die zum besseren Verständnis des Phänomens beitragen können.

Im "Material Girl" Video imitierte sie Marilyn Monroe und bezog sich damit selbstironisch auf ihr damals vorherrschendes Image in der Öffentlichkeit, während die Geschichte des Videos erzählt, dass ihr Herz nur mit den einfachen Dingen des Lebens erobert werden kann, auch wenn sie einmal der größte Star des Universums werden solle.

Das nächste Video, das nahezu eine Volksdiskussion auf dem nordamerikanischen Kontinent aus löste, war mit "Papa Don't Preach" die Visualisierung einer eigenständigen Entscheidung gegenüber einer männlichen Autoritätsperson. Die Geschichte des Clips handelt von einer schwangeren Tochter, die trotz des Widerspruchs ihres Vaters das Kind haben will und spielt im italo-amerikanischen Milieu. Das Video war darauf angelegt, als Werbung für Teenagerschwangerschaften missverstanden zu werden und entfachte so auch einen Feuersturm von Kontroversen zwischen Gegnern und Befürwortern des Rechts auf Abtreibung. Die angefachten öffentlichen Diskussionen zogen auch einen gewaltigen ökonomischen Erfolg nach sich. 1986 war "True Blue" mit siebzehn Millionen Exemplaren das weltweit meist verkaufte Album.

"Open Your Heart" war Madonnas nächstes Video, das wieder als ein selbstreferentieller Kommentar zu ihrem eigenen öffentlichen Image angesehen werden kann. Madonna agiert hier als Stripperin auf der Bühne einer Peep-Show. Rittlings auf einem Stuhl sitzend imitiert sie Marlene Dietrich während sie von lüsternen oder schmachtenden Voyeuren taxiert wird: von brillenputzenden, mitstenographierenden Männern, einem verträumten homosexuellen Zwillingspaar, von einer melancholischen Lesbe, um am Ende mit einem kleinen Jungen davonzutanzen. Wieder erfolgten heftige Reaktionen, da man Pornographie, die Frau als Sexualobjekt und Kindesmissbrauch visualisiert sah. Gleichzeitig wurde es als "postmodernes" Video bezeichnet, da man auch die Demontage des voyeuristischen Blicks auf ein Sexualobjekt, die Flucht in die Androgynität erkennen konnte und deshalb eine konsistente Interpretation der Bedeutungen nur schwer abzugeben war (vgl. Penth und Wörner in Diedrichsen 1993, S. 39). Es wurde offenbar versucht, die plurale Vielfalt der verschiedenen Blickwinkel, die das Madonna-Phänomen konstituieren, visuell umzusetzen.

"La Isla Bonita" war reich an religiösen Symbolismus wie Kerzen, Altar oder Rosenkranz und handelt von einer typischen Insel-Utopie, von Liebe und dem freien Zusammenleben verschiedenster Kulturen.

Auch "Like A Prayer" spielte mit religiösen Inhalten und Symbolen, wobei auch das Problem der Rassentrennung artikuliert wurde. Die Geschichte beginnt mit dem Mord einer weißen Jugendbande an einer jungen Frau, bei dem Madonna Zeuge ist und für den ein unschuldiger Schwarzer verhaftet wird. Sie flieht in eine Kirche, erbittet von einer schwarzen Heiligenfigur Schutz, fällt auf der Kirchenbank in Schlaf und träumt, dass die Heiligenstatue sie küsst. Sie erwacht, befreit mit ihrer Aussage bei der Polizei den Unschuldigen, singt mit einem schwarzen Gospelchor, tanzt vor einem Wald brennender Kreuze und enthüllt an beiden Handflächen blutende Wundmale. Das Video konnte als Parabel auf den alltäglichen Rassismus und als positive Utopie zugleich gelesen werden, während das konservative Lager schäumte und Madonna den Vorwurf der Blasphemie machte. Zeitgleich mit der Produktion des Like A Prayer Albums, hatte Madonna einen Werbevertrag mit Pepsi abgeschlossen. Als der Werbe-Spot von Pepsi mit Madonna zeitgleich mit dem Videoclip zu Like A Prayer anlief, lief eine Welle der Entrüstung durch Amerika. Die American Family Association und weitere katholische Vereinigungen riefen zu einem Boykott der Pepsi-Produkte und gegen die Plattenfirma Madonnas auf. Pepsi musste den Spot einstellen, Madonna bekam trotzdem ihre fünf Millionen aus dem Werbevertrag und hatte einen neuen Nummer 1 Hit.

"Express Yourself" war an Fritz Langs futuristisches "Metropolis" angelehnt und visualisierte Sex, Herrschaft und Macht. Madonna steht in einem schwarzen Männeranzug gekleidet und Monokel tragend als Herrscher an der Spitze einer Hierarchiepyramide, an deren Boden sich Arbeiter mit bloßem Oberkörper in der schmutzigen Welt abrackern. Sie tanzt zwischen ihnen, entblösst ihren Büstenhalter unter der Anzugsjacke, fasst sich in der Art Michael Jacksons zwischen die Beine und windet sich in Sklavenhalsband und Ketten auf einem Bett. Infolge der sadomasochistischen Anklänge wurde ihr vorgeworfen, dass einmal mehr die Frau in der Rolle des Opfers dargestellt würde. Andererseits konnte ihr Spiel mit Verkleidungen, das Cross-Dressing, als Dekonstruktion der Geschlechtsrollen, als Reflektion auf die Künstlichkeit des Geschlechts und als Destabilisierung voyeuristischer Perspektiven aufgefasst werden (vgl. Schwichtenberg 1993, S. 134).

Auch in ihrem nächsten Videoclip "Cherish" machte Madonna mit dem Verdrehen der Geschlechtsrollen weiter. Sie tanzt am Strand mit einem Kind während sich Nixenmänner mit Fischschwänzen im Wasser tummeln. Das zugehörige Album "Like a Prayer" wurde mit dem an Weihrauch erinnernden Parfüm Patschuli versehen, um dem Ganzen religiösen Touch zu geben.

Es folgte mit "Vogue" ein Video, das der New Yorker Subkultur schwarzer und latino-amerikanischer Transvestiten seine Referenz erwies, die Mitte der Achtziger Jahre zu Vogueing-Veranstaltungen zusammenkamen, bei denen sie die Bewegungen von Models auf dem Laufsteg simulierten. Das Video blieb entsprechend ambivalent gegenüber Zeichensystemen der Sexualität und Rasse und konnte so auch als eine pluralistische Vision postmoderner Oberflächlichkeit gelesen werden (vgl. Patton in Schwichtenberg 1993, S. 92).

1990 startete Madonna ihre "Blond Ambition" Tournee, die auch den Rahmen des Dokumentarfilms "Truth or Dare: In Bed With Madonna" bildete. Das Konzertspektakel war offen darauf ausgerichtet, sexuelle, soziale und religiöse Tabus zu brechen. Sie wollte offenbar die Einstellung der Welt zur menschlichen Sexualität ändern: "Es sind Madonnas wahrgewordene Träume. Sie wollte Statements über die Sexualität, Bisexualität, die Kirche und so weiter abgeben." (zit. nach Paterson in Bego 1992, S. 238 f.).

Der Film, der die Tournee dokumentierte, war mehr als ein üblicher Konzertfilm, da der Regisseur die Erlaubnis erhielt, einfach alles zu filmen, so dass das Leben der Hinterbühne, im Hotelzimmer und auf der Damentoilette genauso Bestandteil ist, wie die Mitschnitte der Live-Performance. Der Film versuchte die in Farbe gedrehte öffentliche Persönlichkeit des Popstars gegenüber der schwarz-weiß gehaltenen privaten, menschlichen Madonna zu zeigen und machte gerade dadurch deutlich, dass es diesen Unterschied nicht mehr gibt, dass beide Welten untrennbar miteinander verflochten sind (vgl. Penth und Wörner in Diedrichsen 1993, S. 67).

Während Marilyn Monroe an dem Entfremdungsprozess, die vollkommene Übereinstimmung von Realexistenz und Rollenspiel zu erzielen, zerbrach, scheint das für Madonna kein Problem darzustellen, da sie ihre Realexistenz zum Rollenspiel stilisiert (vgl. Penth und Wörner in Diedrichsen 1993, S. 66 ff.).

"There is nothing to say off - camera. Why would you say something if it's off-camera? What point is there of existing?'' (Warren Beaty im Gespräch mit Madonna: zit. nach Pribram in Schwichtenberg 1993, S. 211).

"Justify My Love" war wieder ein Video, mit dem Madonna Grenzen überschritt und einen Aufschrei der Empörung provozierte. Spätestens mit diesem Video wurde sie auch zu einem Wahrzeichen für Homosexuelle. Die Kulisse bilden Hotelkorridore und Zimmer, in denen Phantasien der Nacktheit, des Voyeurismus, Bisexualität, Sadomasochismus und Transvestismus artikuliert werden. Alle Figuren in diesem Video sind erotisch stilisierte, geschlechtlich undefinierbare Wesen, wobei jegliches hetero- und homosexuelle Klischee vermieden wurde. "Es ist ein Blick ins Innere des Verstandes eines jeden Menschen. Diese Phantasien und Gedanken existieren in jeder Person." (Madonna: zit. nach Anderson 1992, S. 307). Das Überschreiten der Grenzen von Geschlechtergegensätzen und von sexuellen Praktiken konnte man als eine postmoderne Herausforderung traditioneller Kategorien sehen, die auf deren soziale Konstruiertheit zielt (vgl. Schwichtenberg 1993, S. 130 f.). "Justify my Love" sollte erstmals am 1. Dezember 1990 auf MTV ausgestrahlt werden, während des 48-Stunden langen "Madonnathon". Unglücklicherweise weigerte sich MTV am 26. November das Video zu übertragen wegen seines negativen "Gesamteindrucks". Für andere Künstler wäre ein "Nein" von MTV zur Ausstrahlung eines Videos eine Katastrophe gewesen, doch Madonna gelang es, die negative Publizität in einen finanziellen Erfolg zu wenden. "Justify My Love" wurde als Video-Single herausgebracht (als erste Video-Single in der Geschichte der Musikindustrie) und verkaufte sich über eine viertel Million mal.

Ende Oktober 1992 erschien das Madonna-Buch "Sex", (und das passende Video "Erotica", das ebenfalls kurz nach Erscheinen von MTV mit Sendeverbot belegt wurde) ein künstlerisch gestalteter Fotoband ihrer sexuellen Traumwelt, in dem sie sich als Mannequin im Rahmen verschiedenster sexueller Spielweisen und Neigungen präsentiert. Das gesamte sexuelle Kabinett wird zitiert: Sadomasochismus, Homo- und Heterosexualität, Exhibitionismus, Fetischismus usw. Dazu verfasste sie unter dem Pseudonym "Dita Parlo" möglichst erotische Geständnisse und tut ihre Ansichten zu sexuellen Fragen kund, um dem Betrachter gleichzeitig immer wieder zu versprechen zu höchstem Glück und Liebe zu gelangen.

"...I´m not a witch,

I´m a love technican.

I´ll be your guiding light

in your darkest hour.

I´m gonna change your live.

I´m like a poison flower.

Give it up.

Do as I say.

Give it up and let me have my way.

I´ll give you love.

I´ll hit you like a truck.

I´ll give you love...."

(zit. nach Madonna in Sex 1992)

Ein Versprechen, dass vom Buch allerdings nicht wirklich erfüllt wird, da es distanziert betrachtet insgesamt mehr wie ein sexueller Versandkatalog wirkt, dessen Botschaft einzig um die Inszenierung der Ware "Madonna" kreist. Kritisch kann man zum Buch auch anmerken, dass die postmodern geforderte vielsprachige Artikulation eines Kunstwerks offenbar viel schwieriger zu bewältigen ist, als eine einsprachige. Der Pluralismus der verschiedenen Rollen, die Madonna in diesem Buch einnimmt, erschwert die Stimmigkeit und führt zu oberflächlichem Eklektizismus, zur Beliebigkeit. Dass diese Gefahr bei postmodernen Kunstwerken besteht, ist leicht zu erkennen, da auch hier die Potenzierung der Vielfalt diese nicht nur steigern kann, sondern durch Vergleichgültigung eher auslöscht. So wirkt das Buch wie ein Sammelsurium eklektizistischer Wortfetzen, bildhafter Versatzstücke und beliebiger Zitate, die in dem Gebilde herumschwirren, ohne dass die spezifische Logik und die unbeliebigen Möglichkeiten der jeweiligen Ausdrucksformen in ihrer Konsequenz zur Anschauung gebracht werden. Die anspruchsvolle, spannungsreich-agonale und irritierende Form der Komplexion, die sie bisher vor allem in ihren Videos immer wieder getroffen hatte, wurde in Buchform nicht erreicht. Aus der Sicht von Baudrillard (1985) kann man diesen Übergang unter den Gesichtspunkten der Wucherung und Obszönität als Hypertelie bezeichnen, als ein "Über das Ziel hinausschießen". Es wurde infolge von Madonnas grenzenloser Exhibitionierung "privatester" Phantasien unmöglich und sinnlos, zwischen Realität und Simulakrum zu unterscheiden, da beide sich affizierten, einander durchdrangen und so eine Situation universeller Simulation erzeugten. An Stelle des früheren dialektischen Spiels von Differenzen trat die Wachstumsprogression des Gleichen, die Madonna nicht mehr an ihren Widersprüchen arbeiten ließ, sondern in die Ekstase der Selbstbespiegelung trieb (vgl. Welsch 1987, S. 150 f.).

Kritisch betrachtet, kann man in Bezug auf den Eindruck, den ihre letzten Provokationen erweckten, festhalten, dass der Star der Versuchung erlegen kann, sein narzisstisches Selbst auf der Bühne zur vollen Entfaltung kommen zu lassen, ohne dass die Person hinter die Funktion ihres Images zurücktritt. Die auferlegte Sendung, die zugeteilte theatralische Rolle kann völlig personalisiert werden, bis zum Exzess, zur Hypertrophie des Ich und zum völligen Exhibitionismus subjektiviert. Wenn so durch narzisstische Selbstdarstellung das Selbst des Individuums (des Stars) in egozentrischer Richtung thematisiert wird, stellt es nicht mehr ein Spiel mit vielfältigen Masken dar, sondern ein Kreisen um sich selbst als seinem eigenen Idol, unfähig Distanz zu seinen Rollen und sich selbst zu beziehen. Die Darstellung gerät so zur bloßen Spiegelung des egozentrischen Selbst und erscheint als illusionistisches Theater (vgl. Vester 1984).

Die geschäftstüchtige Provokateurin schien müde zu sein. Ihre Karriere, eine Abfolge von immer härteren Tabu - Brüchen, drohte ins Abseits zu geraten (Spiegel 27/1991, S.173). Doch Madonna gab nicht auf. 1994 ließ sie zum Erscheinen ihres neuen Albums Bedtime Storys einen Club mieten und versprach den Geladenen Gästen ein außergewöhnliches Event. Madonna tauchte nur mit einem weißen Nachthemd bekleidet auf und ließ sich in der Mitte des Clubs nieder, um auf einem überdimensionalen Bett Gutenachtgeschichten vorzulesen. Die Schlagzeilen am darauf folgenden Tag waren ihr gewiss.

1996 bekam Madonna, nachdem sie seit nunmehr 10 Jahren dafür im Gespräch war, die Rolle der "Evita" im gleichnamigen Musical-Film von Alan Parker. Wieder entbrandete eine Diskussion in der Öffentlichkeit - nicht nur in Argentinien, ob die Hure Madonna die Heilige Evita, das Nationaldenkmal Argentiniens, spielen durfte.

1998 meldete Madonna sich ins Showgeschäft zurück und zog sofort wieder alle Aufmerksamkeit auf sich. Sie provozierte die Öffentlichkeit erneut mit einem Video zu dem Titel "Drowned World" aus ihrem neuen Album. Kurz nach Prinzessin Dianas Tod hat dieses Video die Ruchlosigkeit und Aufsässigkeit der Presse als Thema. Madonna sah zwar nicht wie Diana aus, doch sonst schien alles im Video auf einen Vergleich mit Diana angelegt zu sein. Die Öffentlichkeit war über den Vergleich empört, doch Madonna stritt ab, dass eine Ähnlichkeit gewollt sei.

2000 landete Madonna plötzlich wieder einen weiteren Nummer Eins Hit: "American Pie". Der Song stammt aus dem Film "Next Best Thing", in dem sie an der Seite von Ruppert Everett spielt, der auch in dem Video-Clip zu sehen ist. Wieder war Amerika entrüstet, dass der Klassiker von Madonna neu aufgenommen wurde. So wurde erneut die Skandalpresse bedient. Doch war es Don McLean selbst, der über die Cover Version sagte: "Madonna ist ein Koloss der Musikindustrie, und sie hat die besten Chancen, als eine der wichtigsten Figuren in die Popgeschichte einzugehen. Sie ist eine gute Sängerin, eine gute Songwriterin und Produzentin, bei der alles, was sie sich aufzunehmen entscheidet, garantiert ein Erfolg wird." (musikexpress, 2000, S. 25).

2001 erschien das von Ehemann Guy Richie gedrehte Video "What It Feels Like For A Girl", das Madonna als "Amokläuferin" und Regelbrecherin zeigte und an dessen Ende sie bei einem Unfall mit ihrem gestohlenen Auto stirbt. MTV und die angeschlossene Station VH1 beanstandeten die gezeigte Gewalt und strahlten das Video nur einmal nach den Abend-Nachrichten aus, da es eher Nachrichtencharakter habe. Madonna selbst sagte: "...the video is meant to represent woman's rage and open a dialogue..."

2002 ließ Madonna wieder anderweitig aufhorchen: sie sollte im neuen James Bond-Film mitwirken und zudem auch noch den Titelsong zum Soundtrack beisteuern. Die Another Day war aus musikalischer Sicht recht erfolgreich, doch der Film selbst bescherte Madonna wenig Glück. Nicht nur, dass ihr Part auf einen Kurzauftritt geschmälert wurde, sie erhielt auch noch einmal mehr die Goldenene Himbeere, diesmal als schlechteste Nebendarstellerin.

2003 hat sie sich für das Artwork ihrer neuen CD "American Life" aufrührerisch zum Che-Guevara-Lookalike stilisieren lassen. Das zu diesem Outfit passende Video zum Titelsong des Albums wurde kurz nach der Premiere wieder zurückgezogen, da Madonna, die in dem Clip als paramilitärische Kämpferin über einen Laufsteg flaniert und mit drastischen Bildern die Kriegstreiberei George W. Bushs anprangert, den Film plötzlich zu offensiv fand. Sie wolle die Gefühle der Familien der im Irak kämpfenden Soldaten nicht verletzen, ließ sie verlauten und verzichtete mit diesem enorm PR-wirksamen Schritt auf die Ausstrahlung des Original-Videos.

Zudem wechselte Madonna 2003 auch noch in die Liga der Buchautoren. Im September startete die Publicity-Tour für ihr Kinderbuch "The English Roses" (Die Englischen Rosen). Sie gab vor engen Freunden bei einer Tee-Party in London Auszüge aus dem Buch zum Besten, das in rund einhundert Ländern und 42 Sprachen gleichzeitig erschien.
"Ich mag kleine Kinder lieber als große Leute, denn sie haben noch keine schlechten Angewohnheiten, jedenfalls keine dauerhaften", sagte Madonna, die bei dem Londoner Auftritt von ihren beiden Kindern Lourdes und Rocco begleitet wurde.

Ein weiteres Skandal-Highlight 2003 gelang Pop-Ikone Madonna, als sie bei den US-MTV-Awards die 22-Jährige Britney Spears und Christina Aguilera Publicity wirksam zungen-knutschte.