F. 1. Dramaturgische Inszenierungstechniken

 Gerade im Showbusiness wurde die dramaturgische Inszenierung der Stars auf der Medienbühne zunehmend wichtig, da sich infolge der Bündelung der Emotionen des Publikums durch symbolhafte Vorgänge wie Skandale, Statements usw. mit Hilfe geschickter Eindruckssteuerung des Stars, der Mythos und das Image erst bilden und Funktionen der Bedürfnisbefriedigung und Orientierung übernehmen können. Besonders die Inszenierung eines Konfliktes, wie Madonnas Sexkrieg, der auf dem Felde sexueller Repräsentationen ausgetragen wird, ermöglicht es, durch Elemente wie Risiko, Gefahr und Spannung ein Publikum zu fesseln und in den Bann zu ziehen. Der dramaturgische Konflikt erfüllt vielfältige Funktionen: er lässt unterschiedliche Ideen und soziale Wertmuster gegeneinander antreten, erhellt die Charaktere und führt die Geschichte weiter. So kann man auch in der Dramaturgie des von Musikstars vertretenen populären Dramas Mustern und Strukturen darstellerischen Handels finden, dramaturgische Techniken wie Personifikation, Identifikation, Symbolismus, Spannung und Katharsis.

Das Element der Personifikation verbindet soziale Prozesse, Lebensstile mit Gruppen oder Individuen, wodurch die jeweilige Ideologie plastischer dargestellt werden kann. Ein Mann oder eine Frau personifizieren die Macht der von ihnen vertretenen Gruppe, stellen sich als authentischen Ausdruck der Gruppe dar und gewinnen Symbolcharakter. Die Personifikation hängt natürlich eng mit der Selbstinszenierung des Stars zusammen, der versucht, durch ein Image die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit an sich zu binden.

Das Markenimage des Musikstars setzt sich aus vielfältigen Charakterzügen zusammen, nimmt bei den verschiedensten Mythen in entsprechender Proportion Anleihen und bildet so ein Reihe von Stereotypen aus wie die z.B. die Heldenrolle, die des Schurken usw. Gerade bei der Analyse von Heldenrollen trifft man auf Max Webers Begriff des "Charisma", der die außergewöhnliche Qualität einer Persönlichkeit beschreiben soll, wegen der ihr außeralltägliche und nicht jedem zugängliche Kräfte und Eigenschaften zuerkannt werden, woraus letztlich ihre Anerkennung als Führergestalt resultiert. Diese Art der Anerkennung kann sich von Seiten der Masse in einer emotionalen Vergemeinschaftung äußern, einer rational und traditionell unbegründeten ganz persönlichen Hingabe, die offenbar durch den konkreten Gestaltungswillen der charismatischen Figur geschaffen wird, etwas Neues und Fremdes in die Welt zu bringen und so die innere Unterwerfung unter das noch nie da gewesene, absolut Einzigartige erzwingt (Weber 1974, S. 837). Hier zeigt sich auch die Parallele zwischen charismatischem und skandalösen Handeln, da in beiden Fällen die Routine durch Außeralltägliches unterbrochen wird, inszeniert von einer Persönlichkeit, die sich der bestehenden normativen Ordnung entgegensetzt. So vermitteln Skandalstars das Gefühl eine Art "Reduktionsform" des charismatischen Helden zu sein, auf den eigentlich gewartet wird (Bude in Ebbighausen 1989, S. 411 ff.).

Der Musikstar wirkt auf das Publikum mythisch distanziert und erweckt Bewunderung, indem er durch das eingeschobene Persönlichkeitsbild seines Images Identifikationsmöglichkeiten zur eigenen Aufwertung anbietet. Der Fan überträgt auf den Star all das, was er gerne als Person erleben möchte, wozu er aber selbst nicht in der Lage ist. Deshalb identifiziert er sich mit diesem Führer und übt so durch einen symbolischen Zwischenträger indirekt Macht aus.

Entfremdung, Orientierungsverlust und die fehlende Aussicht in der zunehmend komplexen Welt sein Schicksal selbst zu meistern, unterstützen dabei die Zuflucht zu den abstrakten Symbolen der Musikkultur. Identifikation verstärkt sich, wenn die Stars zeigen, dass von ihnen eine erfolgreiche Kraft repräsentiert wird, während auf der anderen Seite eine Bedrohung durch mächtige Gegner steht.

Das Element der Katharsis, der emotionellen Befreiung und Reinigung von allen Konflikten ist ebenfalls oft in das Erscheinungsbild der Akteure eingebaut. Sie wird als Lösung aller Probleme versprochen und kann auch begrenzt mit Hilfe der musikkulturellen Rituale in Diskotheken oder Konzerten erreicht werden. Das Element der Spannung ergibt sich automatisch infolge der Inszenierung von öffentlichen Konflikten auf der Medienbühne. Daneben produziert bei Madonna ihr Mythos das Bedürfnis nach Wahrheit, nach einer Katharsis der Erkenntnis. Ihre vielfältigen Erscheinungsbilder spiegeln immer nur den Fluss der Möglichkeiten um den Punkt der Katharsis und erzeugen so Spannung, die immer wieder von neuem enttäuscht und vertröstet wird und so ständig unerlöst bleibt (Dormagen in Diedrichsen 1993, S. 97). Dramaturgisch wirksam ist bei Madonna somit unzweifelhaft neben der Exzentrizität ihres Images und dem Element der einsamen Kämpferin vor allem die Mysteriösität, die sich um sie rankt. Es wird Spannung aufgebaut, in dem man aus sich selbst ein Geheimnis macht und das Publikum in einer modernen Form des Aschenbrödel-Märchens raten lässt: "Who's that girl?", was auch das Thema eines Films und einer Konzerttournee von ihr wurde. Ihr gesamtes Image spielt mit ständig unerlöster Spannung, ist trotz exhibitionistischer Offenlegung privatester Elemente darauf aufgebaut, das Publikum im unklaren zu lassen. "Die Prinzessin ist allen bekannt, doch die rechten, die passenden Schuhe wollen sich nicht finden lassen." (zit. nach Dormagen in Diedrichsen 1993, S. 45). Sie selbst reagiert scharf, wenn Menschen ".. behaupten mich zu kennen, nur weil sie meine Arbeit kennen..." (Madonna: zit. nach Penth und Wörner in Diedrichsen 1993, S. 29). Da sich ihr Erscheinungsbild immer wieder verändert, hält sie die Spannung aufrecht und man fragt sich, was sie wohl als nächstes machen wird: "Have you got the new Madonna yet?" (zit. nach Penth und Wörner in Diedrichsen 1993, S. 45). So wird das Bedürfnis nach Wahrheit über Madonna in der Menge wachgehalten, immer von neuem enttäuscht und die Aufmerksamkeit der Zuschauer ist gesichert.

Eine ebenso wichtige dramaturgische Technik von Madonna ist die Verwendung von Schlüsselsymbolen, die mit einem bestimmten Thema verbunden werden, wie ihre fortdauernde Verwendung religiöser Symbole im Verbund mit dem Thema der Sexualität. Schlüsselsymbole sollen die Übertragung erleichtern und die Wirkung von Bedeutungen verstärken, wobei in ihrem Gebrauch beim Publikum eine spezifische hochanteilnehmende Stimmung erzeugt werden soll, die mit Worten allein nicht erreicht werden kann.