H. Popkultur und Religion

H. 1. Kult - Fangemeinde und Kultfigur

Der Begriff Kultfigur muss aus soziologischer Sicht nicht als Seins- sondern als Geltungstyp analysiert werden. Zum Star und zur Kultfigur wird nur der, der auch von den Verehrern anerkannt wird. Nicht nur der Star steuert den Eindruck, der ihm zum Zentrum der Fangemeinde macht, sondern er wird auch mit einem Nimbus umgeben und zum Kristallisationspunkt eines Mythos, der durch den Prozess der Wertung durch die Fangemeinde entsteht. Der Star ist als Kultfigur Identitäts- und Wertbringer, trägt zur emotionalen Unterstützung bei und wird infolge der verstärkenden Funktion der Massenmedien ins Gigantische gesteigert, zu einer absoluten Größe, die von den Fans so gesehen wird, wie sie es gern haben möchten. Er ist letztendlich eine reine Konstruktion der Verehrergemeinde.

Eine Person wertet um so höher, je tiefer ihn das Zusammenspiel von Werk, Persönlichkeit, Schicksal und Ruhm des Stars in seinem wesentlichen Ich-Kern ergreift, ihm das Gefühl von etwas Numinosem, Heiligem vermittelt. Dabei besteht keine gesicherte Korrelation zwischen dem Titel Star oder Kultfigur und einer objektiv hoch zu bewertenden Leistung des Künstler. Die Verehrung stützt sich nicht auf das, was die Persönlichkeit als Schöpfer eines Werkes tatsächlich geschaffen hat, sondern auf das, was die Popularisatoren aus dem Werk und Wesen gemacht haben. Vor allem das Image, nicht die Persönlichkeit und das Werk wird zum objektiven Inhalt öffentlicher Meinungen, wobei es völlig gleichgültig ist, wie die betreffende Qualität von irgendeinem ethischen oder ästhetischen Standpunkt aus zu bewerten ist, es kommt allein auf die Anerkennung durch die Verehrer an (vgl. Gehring 1968, S. 20). Die Kultfigur besteht nicht aus absolut Gültigem, sondern aus subjektiven Wertungen, als ein Objekt, das verschiedenen Konsumenten verschieden für sie wertvolle Aspekte anbietet. Das Werterleben der Kultfigur setzt demnach einen Rezipienten voraus, der etwas als ich- positiv, als angenehm und nützlich für sich empfindet und sich so in die Fangemeinde eingliedert. Unter Fangemeinde kann man dabei die soziale Gruppe verstehen, deren Mitglieder sich der Förderung des Ruhmes einer Person widmen und an deren Symbol sie sich in ihrem Verhalten orientieren.

Bei den Fangemeinden der großen Kultfiguren der heutigen Musikkultur den "Megastars" des Rock- und Popbusiness wie Madonna, lassen sich nur schwer Elemente einer echten emotionalen Vergemeinschaftung durch den Star finden. Der einzige gemeinsame Nenner, den man finden kann, ist in der individualisierten Postmoderne, dass sich für jeden einzelnen unterschiedlich stark das Erlebnis von etwas Heiligem, Numinosem vollziehen kann, das sich darin ausdrückt, dass man "im Innersten erregt" wird und "im Gefühl genießt." Die Bedeutungen, die dabei assoziativ geknüpft werden sind allerdings völlig heterogen, es lassen sich höchstens subkulturelle Szenen oder Gruppen mit ähnlichen Lebenssituationen finden, die gemeinsame Bedeutungen finden. Doch kann sich zumindest im konzertanten Massenerlebnis eine Art temporaler emotionaler Vergemeinschaftung vollziehen, wenn im überwältigenden Gemeinschaftserlebnis der "Funke" überspringt.

Man muss gerade im Bezug auf zunehmende Individualisierung in der Postmoderne zwischen den individuellen und den Heldenfiguren unterscheiden, die für Kollektive als Basis einer Vergemeinschaftung dienen. Berühmtheiten werden heute vor allem zur individuellen Befriedigung von Wünschen genutzt. Sie haben dabei zumeist die kompensierende Funktion, einen bestimmten Erfolg stellvertretend im Miterleben erfahrbar zu machen und so Identitätsprobleme des modernen Lebens zu bewältigen. Der Star versetzt den Fan in eine andere Situation, die unerwartete Ressourcen weckt, indem stellvertretend eigene Träume realisiert werden können.

Der große Einfluss der kultischen Verehrung von Stars liegt darin begründet, dass sie als Orientierungsmodelle dazu beitragen können, ein eigenes Selbst zu finden und zu schaffen. Besonders Jugendliche nutzen, indem sie stellvertretend seine Rolle teilen, den "Helden" als Mittel, um gegen elterliche Autoritäten zu rebellieren. Durch den Star wird zugleich Genuss, Spaß, Abgrenzung und Befriedigung eigener Werte ermöglicht. Dabei wird primär eigentlich nicht der Star als Persönlichkeit verehrt, sondern der Bestätiger der eigenen Identität. Ebenso wie man sich an Bezugsgruppen und deren Werte und Normen orientiert, setzt man auch Bezugsindividuen als Vorbild für das eigene Verhalten ein. Infolge seiner Symbolkraft kann ein Star dabei nicht nur als Rollenmodell für einen Teilbereich des Verhaltens dienen, sondern als Orientierungspunkt für das Gesamtverhalten einer Person. Die wesentlichen integrierenden Faktoren der heterogenen Fangemeinde sind die verschiedenen Werte und Bedeutungen, die in der Kultfigur gefunden werden können. Durch einen Personifizierungsprozess sehen Fangemeinden ihre Werte in der verehrten Person verkörpert, so dass letztlich auch Ideen projiziert werden und die Fans den Star nach ihrem eigenen Bild formen (vgl. Gehring 1968, S. 82 f.).

Dabei ist in Bezug auf die lebenden Starfiguren der modernen Musikkultur der Authentizitätsanspruch wichtig: dass sich keine Diskrepanz zwischen dem von den Fangemeinden unterstellten und dem tatsächlichen Verhalten dieser Personen feststellen lässt, dass sie durch ihr ganzes Verhalten im Leben die Maximen, die von Anderen als vorbildlich empfunden werden, auch selbst bewahrheiten. Individuen personifizieren ihre Werte in Musikstars und verleihen der verehrten Person und somit ihren Werten den Titel "Star" oder Kultfigur, um integrierende Faktoren, die die Basis des Daseins bilden, unantastbar zu machen. Als Mittel der Tabuisierung dienen gerade bei Jugendlichen oft Musikstars, mit denen sich Vorstellungen des Großen und Göttlichen verbinden. Dadurch können eigene Werte jeglicher Diskussion entzogen und wie alles Göttliche als objektiv gültig herausgestellt werden. Da nicht eigenen Idealen ein Absolutheitsanspruch versehen werden kann, bedienen sich Fans des Umwegs über die Kultfigur, die als Mittel zum Zweck dient.

Fangruppen verehren den Star nicht aus dem Bedürfnis, die Helden immer strahlender erscheinen zu lassen und mit einem übernatürlichen Glorienschein zu umgeben, sondern Kult entsteht immer dann, wenn die integrierenden Faktoren des Daseins bedroht und in Frage gestellt werden, wenn Individuen gezwungen sind, um eigene Werte zu kämpfen, die die Grundlage ihrer Existenz bilden (vgl. Gehring 1968, S. 92 f.).

Die Fangemeinde von Madonna setzt sich aus einer Vielfalt von unterschiedlichen sozialen Gruppen zusammen. Der Großteil besteht aus weiblichen Teenagern, jungen Frauen, einem breitgefächerten "Mainstream"- Publikum und aus (sexuell-) marginallsierten Gruppen. Den Kern ihrer Fangemeinde, der sie zur Kultfigur erhob und sie im Aussehen imitierte, stellten dabei allerdings unzweifelhaft heterosexuelle junge Mädchen dar, die sogenannten "Madonna-Wannabes". Gerade in der Jugendphase gehört zu den Aufgaben des generationsspezifischen Zugangs zur gesellschaftlichen Realität die Orientierung und die Artikulation eines eigenen gesellschaftlichen Standpunkts. In der kritischen Phase der Abgrenzung vom Elternhaus, in der Teenager ihre eigene Identität entwickeln, benötigen sie Hilfen, um im Sinne Meads einen realistischen "generalisierten Anderen" aufbauen zu können. Der Mangel an traditionellen identifikativen Ritualen in der Gesellschaft, deren zumeist religiöse Absicherung zunehmend an Signifikanz verlor, wurde in der modernen Medienkultur auch durch die Produkte der Kulturindustrie, wie sie Idole der Musikkultur bilden, abgefangen. Ihre symbolische Ausdrucksweise hat dabei einen Bezug zur eigenen Lebenssituation, ermöglicht emotionale Entlastung und dient der Artikulation von eigenen Bedürfnissen und Gefühlen.

In der postmodernen Gesellschaft, die durch eine pluralistische, inkonsistente Vielfalt von Zeichen und Symbolen gekennzeichnet ist, gibt es allerdings auch für Jugendliche keine verbindlichen Terminologien mehr, keine Klassen eindeutiger Eingrenzung, da sich Kulturen, Stilformen, Charaktere und neuentdeckte Traditionen zu einer Art Melange vermischen. Jugend stellt immer weniger eine klar strukturierte Statuspassage dar, sondern zerfällt in Teillaufbahnen mit unterschiedlichen Anforderungen, die von unterschiedlichen emotionalen Dimensionen gekennzeichnet sind. In jugendlichen Lebensbereichen kam es zu einer Verschiebung des Macht und Kompetenzgefälles zu ihren Ungunsten. Es wurden neue Options- und Individualisierungsmöglichkeiten erzeugt, deren Kehrseite Entscheidungslast, Orientierungs- und Integrationsprobleme sind, die hohe Anforderungen an die Orientierungs- und Synthetisierungsarbeit stellen (vgl. Helsper 1991, S. 78 f). Während früher die Adoleszenz durch Initiation und Unterwerfung unter traditionelle Zwänge und Tabus unter Konformitätsdruck geriet, wurde es in der Moderne aufgrund der Entwertung der Traditionswelt geradezu zur obersten Pflicht Jugendlicher gegen alle vorgegebenen Wahrheiten zu revoltieren und möglichst frei eigene intellektuelle und moralische Ideale zu bilden. Die Individuierung, Pluralisierung und Reflexionssteigerung wird unterschiedlich bewältigt und kann zu kultischen Formen der "Ontologisierung" führen, in denen gegenüber der Bodenlosigkeit der eigenen Existenz wieder festen Halt gewonnen wird. Aufgrund der im Zuge der Säkularisierung verschwindenden Bedeutung religiöser Institutionen und Normen in der öffentlichen gesellschaftlichen Sphäre wurden funktionale Äquivalente gefunden, die Profanes religiös relevant werden ließen, so dass eine Art "unsichtbare Religion" (Luckmann, 1991) entstand. Diese neue Sozialform von Religion ist von Privatisierung und Subjektivierung gekennzeichnet und bietet beliebig austauschbare Selbstfindungs- und Selbstverwirklichungsangebote, die durch und wie Waren konsumiert werden und wie diese dem Spiel von Angebot und Nachfrage, der Inflation und der Mode unterworfen sind. Funktionelle Äquivalente der Religion kann man so in den Massenmedien, der Wissenschaft, im Konsum, in politischen Heilslehren, Sport, Körperkult, New-Age Bewegungen oder in der Musikkultur finden (vgl. Barz 1992, S. 128).

Was den Kult gerade von anderen, für das Dasein existentiell eher unwichtigen Ereignissen unterscheidet, ist seine rituelle Wiederholung, d.h. die Erscheinung des, das Dasein mit Ordnung und Orientierung versehende Element des "Göttlichen". Es wird durch die rituelle Wiederholung immer wieder neu zum Leben erweckt und manifestiert so das eigene Weltbild. Mit dem Vollzug von Kulthandlungen ist die Überzeugung verknüpft, dass sie nicht nur etwas bedeuten, sondern auch etwas bewirken, und zwar vor allem im Bewusstsein der kultfeiernden Gruppe, deren Mitglieder zum Aufbau einer eigenen Identität nicht nur subjektiv motiviert, sondern auch real befähigt werden. Die Praxis des Kults ist allerdings nicht Praxis der Leistung, seine Effizienz nicht die Ausübung von Macht, vielmehr stellt der Kult dieser Vorstellung von Ursache und Wirkung eine andere gegenüber, indem kultisches Handeln eine Praxis der Hoffnung ist, die sich beschenken lässt, seine Effizienz ist Ausübung von Dienst, der sich darauf beschränkt, die Gestalt zu sein, durch die eine andere Macht, die des Göttlichen, ihr Werk vollbringt (vgl. Schaefler in Hahn u. a. 1974, S. 40 ff.).

Der Bestand einzelner Weltbereiche, die kultisch gedeutet werden, beruht darauf, dass ihnen beständig rituelle Erneuerung widerfährt. Der Bestand der Fangemeinde und damit naturlich auch indirekt des gesamten Phänomens Madonna, besteht deshalb kultisch verstanden selbstverständlich auch darauf, dass das Erscheinen jeder neuen Single, CD oder Platte von den Fans gefeiert wird und beispielsweise mit dem Besuch eines Konzerts der Ursprung des Zugehörigkeitsgefühls zur Kultfigur erneuernd wirksam wird.