H. 2. Befriedigung existentieller Grundbedürfnisse

Kultisches Handeln stellt eine natürliche Antwort auf die existentiellen Bedürfnisse nach Orientierung und Bedeutung dar, in einer Gesellschaft, deren traditionelle Identifikationsrituale an Signifikanz verloren. Auf der Suche nach neuen Orientierungsmustern und Daseinsformen sind Kulte besonders effektiv, da sie auf rituelle Wiedergeburt abzielen. Die kultische Weltauslegung wurde besonders in Jugendkulturen und in Bezug auf die Verwendung der Symbole der Musikkultur zu einer unverzichtbaren Alternative zur wissenschaftlich- technischen Weltbeherrschung für den Aufbau einer eigenständigen Persönlichkeit und eigenständiger kultureller Umgangsformen. Mit Unterstützung der Massenmedien wurde ein neues mythisches Denken in den Alltag transportiert, durch die Kulturindustrie induziert und im jugendkulturellen Kontext in Kulten und Ritualen genutzt, um dem Dasein eigenständige, zum Teil gegentraditionelle Bedeutung zu verleihen.

Gerade in der Phase der problematischen Identitätsentwicklung gehen die Produkte der Massenmusikkultur sozial differenziert auf die existentiellen Bedürfnisse von jugendlichen ein. So lebt ein Teil der Heranwachsenden in einer Rock'n Roll Phantasiewelt, andere hören gemütlich Radio, wieder andere wählen gezielt kulturelle Raritäten aus, einige Diskosound, einige Konzerte usw. Wenn man spezifisch auf die Relation zwischen "echten" Fans und ihrer Kultfigur eingeht, zeigt es sich, dass dabei der Notwendigkeit Rechnung getragen wird, die Unantastbarkeit der eigenen Werte und der eigenen Identität hervorzuheben und von Angriffen von außen zu schützen. Die mit dem Kult verbundenen mythischen Vorstellungen und Riten stellen eine anthropologische Antwort des Menschen auf Situationen dar, in denen er sonst hilflos erscheinen würde. Die ansonsten handlungslos bleibenden Situationen werden im Kult überbrückt, wobei die Affekte, die sich hier bilden, abreagiert und gebündelt werden können in einer symbolischen "Ersatz"- Handlung. An Stelle der Handlungs- und Orientierungslosigkeit oder blinder ungerichteter Ausbrüche treten somit sozial geregelt, vorhersehbare Akte, so dass es nicht zur völligen Desintegration der Person kommt. Dabei geht es allerdings nicht nur um die bloße Ableitung affektiver Energien, sondern um die Steuerung der Affekte und die Bildung vom Emotionen (vgl. Schaeffler in Hahn u.a. 1974, S. 67 f.).

Der jugendkulturelle Gebrauch von Musik und Idolen ist somit symptomatisch für die Identitätsfindung. Um eine eigene Identität in Abgrenzung vom Bild der Eltern aufbauen zu können, machen sich Teenager verschiedene Idole zu eigen, die mit bis in Extremformen reichenden Lebensstilen verbunden sein können, um ihre Emanzipation auszudrücken, ihre Unterpriviligiertheit oder um einfach nur Aufmerksamkeit zu erregen. Der eigene Lebensstil belohnt sie dabei mit Identität und schafft in "peergroups" Zusammenhalt. Es können Rollen und Werte entwickelt werden, die sich mehr oder weniger im Konflikt zur konventionellen Gesellschaft befinden.

Durch kultisches Handeln kann so gegenüber der eigenen Existenz und den Orientierungsproblematiken des Daseins wieder festen Halt gewonnen werden. Es ist kein Zufall, dass gerade kultische Riten zeremoniell gesichert sind, da sie einerseits Antworten auf entscheidende Bedrohungen des Daseins darstellen und andererseits nur eine schwache direkte Realitätsverankerung haben. Sie erfordern insofern zeremoniellen Schutz für die prekäre Situationsdefinition, die in ihnen aufrechterhalten wird. Die Musik dient dabei im kultischen Verhalten als Mittler zwischen Transzendenz und Individuum, als Medium religiös- magischer sozialintegrativer Sinngebung.

Die fortschreitende Entwertung traditioneller Riten warf besonders für Jugendliche Folgeprobleme auf, die zunächst als Sinngebungsprobleme des Handelns und als Legitimationskrisen traditioneller Institutionen sichtbar wurden, aber auch die Gestalt der Remythisierung von kulturindustriellen Produkten annahmen, der eine neue Form musikkultureller Magie und Rituale entsprach. Die mit Vergnügen und Spaß verbundene entlastende Erfahrung im Kult schafft Möglichkeiten der Neuorientierung und stellt so eine spezifische Antwort auf emotionale Verarmung, Banalität und Bedeutungslosigkeit dar (vgl. Klapp 1962, S. 145). Bei der Analyse der Fangemeinde um Madonna zeigt sich die Vielfältigkeit der auf die Bezugsperson projizierten Werte und Bedeutungen. Verschiedene Subkulturen aktivieren unterschiedliche Bedeutungsreihen, die sie in ihr Alltagsleben integrieren können. Weibliche Teenager können Bedeutungen einer unabhängigen Sexualität, einer alternativen weiblichen Identifikationsmöglichkeit finden, andere Teile der Fangemeinde Vergnügen an der hemmungslos dargestellten Sexualität haben oder sexuell marginalisierte Gruppen sich zum Ausleben ihrer Neigungen motiviert fühlen. Jedes Mitglied innerhalb der Verehrergemeinde orientiert sich dabei nicht in erster Linie an Madonna als Person, sondern an eigenen Werten und Bedeutungen, die in ihr gefunden werden können. Die Fans verehren so Werte, die die Grundlage ihrer eigenen Existenz, ihres eigenen Weltbildes darstellen.