H. 3. Musikkultur als säkularisierte Religionspraxis

Aus anthropologischer Sicht waren Musik und Tanz, die Verschmelzung zwischen Körper und Geist, Grundlage von vielfältigen Formen der Religionsausübung in nahezu allen Kulturen. Erst mit dem Aufkommen des Christentums, das den Wert mehr auf das Geistige legte, wurden die heidnischen Rituale in das Brauchtum verdrängt und es entwickelte sich geistliche Musik im Rahmen der säkularen Praxis, die im Verbund mit dem Dogmen der christlichen Religion die Körperlichkeit ablehnte. Tanzformen wurden nahezu völlig aus der religiösen Praxis verdrängt, wobei sich auch im säkularen Bereich Formen wie das Ballett ausbildeten, die ebenfalls den Schwerpunkt auf die Überwindung der Körperlichkeit, der Schwerkraft, hin zum Ätherischen, Höheren und rein Geistigen legten. Erst mit dem Aufkommen der modernen Musikkultur, die infolge von fortschreitenden Signifikanzverlust der religiösen Rituale ein funktionales Äquivalent anbot, wurden die Musik und der Tanz in Verbund mit "göttlich" wirkenden Kultfiguren wieder zum Bestandteil einer säkularisierten "unsichtbaren" religiösen Praxis. Im Musikerlebnis der säkularen Rituale der Rock und Popmusik dienen Rockfestivals als Ziele jugendlicher Wallfahrten, können die Teilnehmer in Ekstase und Trance fallen. Im oft überwältigenden Gemeinschaftserlebnis der Rockkonzerte werden die ureigensten Momente der Musik affektiv und körperlich wiederbelebt, schwebt der "Geist" über den Teilnehmern der "Liturgie". Wenn man sich auf den kultischen Ursprung der Musik besinnt, ist nicht verwunderlich, wenn das Musikerlebnis junger Menschen heute quasireligiöse Züge tragt, wobei es schwer fällt zwischen pseudoreligiösen und authentischen religiösen Gefühlen zu unterscheiden (vgl. Barz 1992, S. 138).

Hinsichtlich der Funktionen von Religion und denen der Musikkultur finden sich entsprechend eine Vielzahl von Parallelen. So kann man beispielsweise die emanzipatorischen Potentiale der Religion aufgreifen und Religion als kritisch transformierende, konfliktorientierte und befreiende Kraft ansehen. Sie bietet die symbolische Repräsentation von Lebenserfahrung, hat identitätskonstituierende Bedeutung zum Aufbau einer flexiblen, prinzipiengeleiteten Ich-Identität, zur Selbstverwirklichung. Religion dient als Lebenshilfe zur Bewältigung praktischer Lebensprobleme, trägt als Integrationsfunktion über Gruppensolidarität zur Krisenbewältigung, zur Umstrukturierung bei Passagen, zu Unterhaltung und Spiel bei (vgl. Barz 1992, S. 120 f.). All diese Aspekte, die traditionell der Religion zukamen, lassen sich heute auch in den säkularen Praktiken der Musikkultur finden. Offenbar hat man es hier mit einer Form von unbewusst ausgeübter Religion zu tun, die im Verbund mit postmodernen Individualsierungsschüben auf Selbstverwirklichung und Selbstfindung abzielt und in Warenform konsumiert wird. Die Gründe für die religiöse Wirksamkeit liegen dabei in erster Linie in der mythenschaffenden Medienkultur und in der Institutionalisierung von Charisma durch die Kulturindustrie begründet, die die kommerzielle Verwertbarkeit von subkulturellen Stilen und von Außenseitern als Stars aufgriff.

Die religiösen Aspekte werden insbesondere in der Beziehung zwischen Fangemeinden und Kultfiguren deutlich, wobei es schwierig wäre, eine Reihe ungewöhnlicher Handlungen zu interpretieren, ohne sich auf deren religiöse, bzw. mythische Begründung zu berufen. Um den Sinn des fremdartigen Verhaltens zu erfassen und der Ursachen und Begründungen der Exzesse in Verbindung von Kultfigur und Fan zu begreifen, muss man sich bemühen, die mythischen Ursachen zu verstehen, die derartige Exzesse erklären, begründen und ihnen einen religiösen Wert verleihen. Nur in einer religionsgeschichtlichen Perspektive lassen sich solche Verhaltensweisen als kulturelle Tatsachen begreifen und verlieren so den monströsen Charakter rein triebhafter Handlung.

Hier ist vor allem der Mythos, der sich um eine Person rankt wichtig. Er stellt eine äußerst komplexe kulturelle Realität dar, ist eine "heilige" Geschichte. Mythische Personen sind übernatürliche Wesen, Stars und Kultfiguren, die in Medien und Filmen erscheinen und somit etwas Magisches an sich haben. Die Person, die man sich ansieht, ist gleichzeitig auch noch woanders, was einen "göttlichen" Zustand darstellt. Sie ist erfolgreich und berühmt und wird als Vorbild, als Held wahrgenommen. Der Mythos offenbart die schöpferische Tätigkeit des Stars, enthüllt seine "Heiligkeit" oder Übernatürlichkeit, stellt so den dramatischen Einbruch des Heiligen in die Welt dar und wird zum exemplarischen Modell menschlicher Tätigkeiten. Obwohl die mythologischen Personen, die Stars, im allgemeinen "Götter" oder übernatürliche Wesen sind, die nicht zur Alltagswelt der Fans gehören, betreffen sie die Geschichten unmittelbar, fühlen sie sich in ihrer Individualität durch die schöpferische Tätigkeit des Stars als Bezugsperson konstituiert, werden existentielle Bedürfnisse durch den Star befriedigt (vgl. Eliade 1988, S. 15 ff.).

Kritisch zu der anscheinend selbstverständlichen Darstellung von Popmusik als Religionsersatz kann man allerdings anmerken, dass die populäre Musik, populäres Kino und die populäre Literatur immer noch konstitutiv auf Religion und religiöse Formeln gerade auch kirchlicher Herkunft angewiesen sind. Viele Videoclips greifen ganz selbstverständlich auf kirchliche Ausdrucksformen zurück, in vielen Kinofilmen der Gegenwart werden Inszenierungen verwendet, die umstandslos der Liturgie christlicher Gottesdienste entnommen sein könnten. Allerdings ist es gerade eine Eigenheit der postmodernen Popkultur, sich schamlos bei unterschiedlichsten Spielarten traditioneller Kulturformen zu bedienen, diese mit Samples und Zitaten in einen neuen Kontext zu stellen und zum anderen basiert sie ja auch auf einer christlich kulturellen Grundlage.
Vor allem wenn man der Meinung ist, dass in 50 Jahren niemand mehr von Madonna, Michael Jackson, den Backstreet Boys oder der populären Kultur des 20. Jahrhunderts reden wird, aber die kulturelle Deutungskraft des Christentums auch dann noch weiter bestehen wird, kann die Beschreibung einer funktionalen Äquivalenz dieser Sparten der Kulturindustrie zur Religion allerdings mythisch und reflexionslos erscheinen (vgl. Mertin in medien praktisch, Heft 1/99, S. 59-61).

Reine Substitutionstheorien würden aber tatsächlich die Differenzierungsbewegungen der Postmoderne vernachlässigen. Es wäre fatal, die Postmoderne einfach als eine Abfolge einander ersetzender Phänomene zu verstehen - vielmehr differenzieren sich immer mehr Bereiche in eigene Diskurse aus. Einer davon ist die populäre Musik, die dabei religiöse Funktionen übernommen hat und mindestens im Gebiet der "halbbewussten Transzendenzen" einen Ausdrucksschwerpunkt gesucht und gefunden hat.