H. 4. Chiliastische und eschatologische Elemente

Wenn man die funktionale Äquivalenz der Musikkultur und die Schwierigkeit der Grenzziehung zwischen Religiösem und Profanem im Auge behält, wird deutlich, dass sich hier auch eine ganze Reihe prophetischer und chiliastischer Formen finden lassen, die eine Art Heilsbotschaft, das Versprechen eines märchenhaften Zeitalters der Glückseligkeit verkünden. Es wird eine Befreiung von überkommenen Zwängen versprochen, die zu kathartischen Erfahrungen, zum Massentaumel oder zum andachtsvollen Gemeinschaftserlebnis führen kann. So lässt sich auch bei Madonna in vielen Werken die mythische Idee von der "Vollkommenheit der Anfänge" finden die aus mythologischer Sicht als Ausdruck einer intimen religiösen Erfahrung gelesen werden kann, die von der imaginären Erinnerung an ein "verlorenes Paradies" der Glückseligkeit gespeist ist. Element dieser Art lassen sich beispielsweise in "La Isla Bonita". "Love makes the world go round" oder "Holiday" finden, ihrer Hymne an den Tag, den man sich vom Leben frei nimmt.

Man findet in Konzeptionen eschatologischer Zukunftskosmonogien die Quelle der Glaubensvorstellungen, die das Paradies in der Zukunft verkünden. So kann man in Madonnas Werken selbst Elemente der messianischen, chiliastischen Schwärmerei, der singenden und tanzenden Suche nach den irdischen Paradies finden, deren visionäre Konzeption wohl am deutlichsten im an Fritz Langs Film "Metropolis" angelehnten Video "Express Yourself" visualisiert wurde, in dem sie zum Teil die Position Marias in "Metropolis" als Prophet und Führer einnimmt (vgl. Morton in Schwichtenberg 1993, S. 225). Die Vorstellung von der Vollkommenheit der Anfänge hat allgemein die Tendenz, die ergänzende Idee einzuschließen, dass bevor etwas Neues beginnen kann, die Reste des alten Zyklus vollständig vernichtet werden müssen. Es geht dabei nicht darum, zu regenerieren, was degeneriert ist, sondern die alte Welt zu vernichten, um sie im Ganzen neuerschaffen zu können, als einzigen Weg, die paradiesische Vollkommenheit wiederzuerlangen. Die Sehnsüchte der paradiesischen Idee werden in die Zukunft projiziert und davon ausgegangen, dass es erst eine Regression ins Chaos geben muss, dem eine neue Kosmogonie folgen kann (vgl. Eliade 1988, S. 55 ff.). Indem Madonna in ihren Darstellungen vormals geheiligte Grenzen herausfordert und in Frage stellt, versucht sie offenbar selbst die Wegbereiterin dieser Regression zu spielen. Besonders im Fotoband "Sex" lassen sich leicht Elemente finden, die mit einer säkularen Heilsbotschaft spielen:

 

Sex was like a Game to her

Like Joepardy! or Hollywood Squares.

Like Monopoly

or Trivial Pursuit.

Her Body was a weapon

not a fatal weapon

more like a stun gun

more like a fun gun.

She did it to remind everybody

that she could bring happiness

or she could bring danger,

kind of like the lone ranger,

only the horse she rode in on was high.

She was an avenger of the libido dead.

a sister of mercy

our lady of head

(zit. nach Madonna bzw. Dita Parlo in "SEX")

 

Madonna selbst sagt zwar am Anfang von "Sex", dass alles was man lesen wird, reine Phantasie sei, nichts davon sei wahr, hält aber nichtsdestotrotz die Aussagen ihres Buches für Revolutionär: "Ich sehe es nicht so sehr als sexuelle denn als menschliche Revolution" (zit. nach Penth und Wörner in Diedrichsen 1993, S. 79). Sie wolle die Menschen damit auffordern, keine sexuelle Empfindung bei sich zu unterdrücken und andere für ihre Gefühle nicht zu diskriminieren. Wären alle miteinander toleranter, gäbe es keinen Rassismus oder Hass.

In der Darstellung der vielfältigen sexuellen Neigungen, die sie selbst als Repräsentationsfigur durchspielt, geht sie offenbar auf das Chaos der Sexualität, deren Unvollkommenheit zu, und versuchte eben diese zu verklären:

I will raise you from the ground

and without a sound

you'll appear and surrender yourself to me,

to love.

(zit. nach Madonna in "SEX")

Madonnas Chiliasmus enthält insgesamt, obwohl er gegen die Kirche und deren Sexualmoral gerichtet ist, deutlich christlich eschatologische Elemente, die auf eine positive Umwertung einer sexualmoralischen "Unvollkommenheit" abzielen. Allerdings erscheint das Buch letztlich nicht als voropfernde Aufsichnahme von Stigma, die in charismatische Heilsbringung umschlagen kann, sondern nur als ein weiteres Konsumobjekt in der sexualisierten Warenwelt, dessen Botschaft allein um die Inszenierung der Ware "Madonna" kreist. Von einer dramaturgischen Perspektive betrachtet, könnte man zwar bei Madonna tatsächlich auch den Versuch erkennen, das Bild des Helden zu evozieren, der in bewusster Einsamkeit sein Selbst als Opfer hinwirft, als einen Akt der Selbstbefruchtung. (Sie hatte angeblich in ihrem Spleen mit Bildern und Symbolen zu kommunizieren, über ihrem Bett ein Bild von Frida Kahlo hängen, das martialisch die Geburt der Künstlerin aus ihrem eigenen Körper darstellt.)

Heroisch wird selbstaufopferndes Handeln aber immer erst dann, wenn es auf der Bühne des Geschehens das Merkmal des überspringenden Sinns aufweist: wenn es nicht nur Aufopferung für sich selbst, sondern auch für andere und damit soziale Wiedergeburt bedeutet. Die Figur des Opfers hat dann ausstrahlenden sozialen Gehalt, da sie einerseits Beziehungen zur alten Ordnung in ihrer Negation hat und da sie andererseits schöpferische Kräfte in eine neue "ferne Gemeinschaft" hinüberrettet. Die Vollkommenheit des Establishments wird in Frage gestellt und Schuld, Makel und Mängel am Ende als Recht geltend gemacht. Die dramaturgische Wirkung die voropferndes heroisches Handeln erzielt, liegt dabei nicht nur im abweichenden Verhalten begründet, sondern auch darin, dass verbindliche neue Selbstbilder gefunden werden, neue Bilder sozialer Identität vermittelt werden. Durch die dramatische Tat des Selbstopfers, die Wandlung bedeutet, kann sich auch die Gesellschaft, ihre Moral und ihr Legitimitätskonzept wandeln. Letztendlich kann das Rollenspiel, von Gesetzesbruch, Schuldverkehrung, der Aufhebung von Reinheitsregeln und von sozialem Opfer aufgewühlt, im Zuge fortschreitender Dramatisierung sein Gesicht verändern, von Lasterhaftigkeit hin zu neuer reiner Gestalt (vgl. Lipp 1985, S. 227 ff.). Insgesamt kann man aus dieser Perspektive Madonnas Darstellungen als ein Spiel ansehen, sexualmoralische Umwertung in Gang zu bringen und dabei selbst als symbolische Führerfigur zu fungieren, deren charismatische Verehrung alte Werte zusammenbrechen lassen soll.