I. Schlussbetrachtung

Wenn man die Vielfalt der unterschiedlichen Elemente im Auge behält, die das gesamte Phänomen "Madonna" konstituieren, wird auch deutlich, wie schwierig eine Einordnung fällt. Sie ist Produkt der Kulturindustrie, Medienmanipulatorin, Skandalnudel, Hure, Göttin, Kultfigur, Star, Repräsentationsfigur, Mensch, Simulakrum, wandelnde Projektionsfläche usw. in einem. Egal aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet, letztlich bleibt ein zwiespältiger Eindruck bestehen. Madonnas dynamisches Image spaltete sich in immer neue Rollen auf und ließ sie so immer effektiver und flexibler auf ihre eigene Umwelt - also auch auf sich selbst - reagieren. Ein Geheimnis ihrer Vielfalt ist, dass infolge der nichtlinearen Wechselwirkungen zwischen den Projektionen von Seiten der Öffentlichkeit und der Kultfigur selbst, diese sich nicht einfach addierten, sondern dass das gesamte Phänomen über die Summe seiner Teile hinausgewachsen ist. Dieser Entwicklungsmechanismus ließ zwar das Madonna-Phänomen immer größer und größer werden, aber eine präzise Vorhersage seiner Weiterentwicklung oder seines Endzustandes ist nicht möglich, da es dabei auch in Zukunft vor allem auf die dynamischen Rückkopplungen zwischen dem Phänomen und der Öffentlichkeit ankommt. Auch die Anfangsbedingungen der Entwicklung bekommen bei derartigen Wechselwirkungen eher den Charakter von Randbedingungen, da auch der Anfang, der Beginn ihres eigenen Mythos, in die Entwicklungsgeschichte aufgesogen wird und sich darin verliert.

Besonders auffällig sind die "religiösen" Dimensionen in denen sich die Phänomene der Massenmusikkultur heute abspielen. Produkte der Kulturindustrie übernahmen als Äquivalent Funktionen, die in der Kultur früher nur der Religion zugeordnet waren. Pop-Rituale haben sakralen Charakter und es lassen sich heute eine Menge Stars und Kultfiguren des Typus stigmatisierter Außenseiter mit charismatischen Qualitäten in den Medien finden. Probleme der traditionellen Identitätsabsicherung und die Entstehung der Mediengesellschaft ließen so einem Mystizismus entstehen, der unterhalb der Ebene klassischer monotheistischer Religion anzusiedeln ist, der nicht die komplexen Ideengebilde einer auf Gott bezogenen Weltordnung enthält, sondern als säkularisierte religiöse Praxis auftritt, die allerdings starke Konsequenzen für die Orientierung der Menschen in einer unübersichtlichen Gesellschaft hat.

Die Mediengesellschaft und die damit verbundene Entstehung der Pop-Musikkultur bildete als eines der wirksamsten funktionalen Äquivalente eine unsichtbare Sozialform von Religion aus, die von individueller Selbstverwirklichung und Sinndeutungen gekennzeichnet ist. Reine Substitutionstheorien würden aber die Differenzierungsbewegungen der Postmoderne vernachlässigen. Im Sinne Max Webers Protestantismusthese bedeutet dies, dass auch der wirtschaftliche "Geist" der Postmoderne und seine entsprechenden kulturellen Eigenheiten eng mit diesen "religiösen" Grundlagen verbunden ist. In derartigen Orientierungen an Medienbildern findet sich offenbar die ethisch-religiöse Grundlage der Wirtschaftsgesinnung in der Postmoderne, die eine entscheidende Grundlage zur Entwicklung des Spätkapitalismus darstellt. Denn inzwischen wird deutlich, dass auch die Verhältnisse der materiellen Produktion denen der kulturellen Originalitätsproduktion immer ähnlicher geworden sind. Wie die Analyse der Stilformen der Jugendkulturen beispielhaft zeigt, sind heute die Formen der Identitätsfindung immer im Wandel, d.h. relativ unverbindlich und stellen nur attraktive Wahlmöglichkeiten neben anderen dar. Waren und Selbstverwirklichungsangebote werden auf die gleiche Art konsumiert und sind beide dem Spiel von Angebot und Nachfrage, der Inflation und der Mode unterworfen. Die (medial vorgegeben) identitätsstiftenden Popsongs und -videos unterliegen extrem kurzen Halbwertzeiten. Hymnen, Hits und stilbildende Videos kommen vor, sind aber selten und per definitionem (des Marktes, der Popmusik und der beteiligten Rezipientengenerationen) ausgesprochen schnell verlebt.

In Bezug auf die Wandlung der Geschlechtsrollen und der Sexualität muss festgehalten werden, dass auch wenn man davon ausgeht, dass das Madonna-Phänomen für die Öffentlichkeit wie eine (auf der Medienbühne inszenierte) Selbststigmatisierung wirkt, entsprechende dramaturgische Qualitäten besitzt und entsprechende soziale Prozesse zur Folge hat, es jedoch recht unwahrscheinlich erscheint, dass diese Form der Darstellung bis auf den normativen Kern der Ordnung durchschlagen kann. Denn alle Rebellion und Subversion bestätigt in dem Moment, wo sie die Form einer Ware oder Kaufentscheidung annimmt, auch immer die Logik der "Kulturindustrie". So muss man bedenken, dass in der sexualisierten Warenwelt Phänomene, auch wenn sie sexuelle Befreiung versprechen mögen, innerhalb der Kraft der Verwandlung des Körpers in eine Ware gefangen bleiben, besonders, wenn sie selbst als Konsumobjekte angeboten werden.

Gerade Inszenierungen auf der Medienbühne wirken zudem insgesamt relativ abstrakt, unglaubwürdig und wenig authentisch. Insgesamt hinterlässt das gesamte Phänomen einen ambivalenten Eindruck, nicht zuletzt da sich aufgrund der vielfältigen Simulationen heutzutage die Unterschiede zwischen wahr und falsch, Wahrheit oder Illusion immer mehr verwischen.